• Max Kaufmann

Geiles Konzert, unglücklicher Tag

Wie ich mir am Nativ-Konzert die Bänder riss und was ich daraus lernte



Illustration: Pia Zibulski


Es gibt Tage, an denen alles Übel zusammenkommt. So, als hätte es sich über die vergangenen Monate angesammelt und an diesem Donnerstag Ende Oktober plötzlich entladen. In fast jeder Pause wurde irgendwo im Schulhausgang geweint. Der Vater einer guten Freundin, es war ihr Geburtstag, hatte einen Fahrradunfall. Zudem drückte der bevorstehende November uns allen auf die Stimmung.


Zum Glück war nichts Schlimmeres passiert und geweint wird am Gymnasium Oberwil leider täglich – nicht nur anfangs November. Meine Schule ist nicht die offenherzige Streber-Idylle, als die sie sich gerne ausgibt.


Ich war also ziemlich unberührt und kaufte mit meinen Freunden nach der Schule Konzerttickets für denselben Abend. Nativ, bekannt als Teil der Berner Rap-Crew S.O.S., spielte im Viertel. Das Konzert war die perfekte Ausrede um Bier zu trinken, anststatt für den Vortrag am nächsten Morgen zu üben.


Hätte ich mir nur einen Kater und keinen Bänderriss geholt, wäre das Konzert mehr als lohnenswert gewesen. Mega Bühnenpräsenz von Nativ, seine deepen, trotzdem nicht pathetischen Texte sind echt packend. Das hier ist aber keine Konzertrezension. Schon früh knickte ich mit dem linken Fuss um. Nicht weiter schlimm, der Schmerz war zwei Lieder und ein Bier später wieder verschwunden. Beim letzten Song, nachdem Nativ die Kiddies im Publikum zu mehr «Turn-Up» aufgefordert hatte, kam es dann aber wie es an diesem, sorry, Scheisstag kommen musste: Im Moshpit stiess mir einer in den Rücken. Ich knickte mit dem anderen, noch heilen Fuss um und zwar so, dass ich mich hinsetzen musste und auch ein weiteres Bier nicht mehr half.


Ich blieb trotzdem bis zum Schluss und schleppte mich dann nach Hause. Den Vortrag übte ich nicht mehr. Am nächsten Morgen setzten sie mich im Orthopädie-Notfall kurzerhand in den Rollstuhl – beide Füsse waren über Nacht zu blauen Klumpen geworden. Die Ärztinnen und Ärzte reagierten ziemlich ungläubig darauf, dass es einer schafft, an einem Abend zwei Füsse kaputt zu machen. Selbst in der Physiotherapie zwei Wochen später wurde ich gefragt, was ich denn für Drogen genommen hätte. Ich meinte darauf nur, es sei ein geiles Konzert an einem unglücklichen Tag gewesen.


Selten habe ich mich so deplatziert gefühlt wie in dieser Sportklinik in der ich behandelt wurde. Ob ich Sport treibe, wollten sie wissen. Hinter dem Arzt hing ein signiertes Dress von Fabian Cancellara an der Wand. «Nur wenn mit dem Fahrrad zur Schule fahren auch gilt», antwortete ich.


Fahrradfahren konnte ich einen Monat lang nicht. Auch Krücken sind mühsam, vor allem am Anfang. Ich ging nur drei Wochen an Stöcken, trotzdem fühlte ich mich unfrei. Nicht mobil zu sein, ist mir heftig eingefahren.


Das Erfreulichste an dieser Verletzung waren die freundlichen Gesten von fremden Menschen, die mir Platz machten oder eine Tür aufhielten. Und dass ich am Gymnasium einen Liftschlüssel erhielt. Der ist sozusagen das «Backstage-Bändeli» der Schule.


Übrigens: Eine Freundin von mir, die auch das Konzert besuchte, riss sich bereits beim zweiten Lied das Kreuzband. Sie wird diese Woche operiert. Merci, Nativ.

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