• Leonne Voegelin

Post aus Berlin - Anekdoten


Schon oft habe ich versucht, die Stadt Berlin zu skizzieren und habe dabei Teile des öffentlichen Raums erleuchtet. Seit mehr als sechs Monaten gehe ich Schicksalsbegegnungen von Ort und Menschen nach, wo sich Fremde wie Freunde begegnen und neue Bekanntschaften eingehen. Es sind diese Orte, die Berlin ausmachen und der Stadt ein prägendes Gesicht geben.



Dazu ein kleines Gedankenexperiment:

Stell dir vor, du triffst in einer fremden Stadt ein. Was prägt deinen ersten Eindruck und wird dir bedeutsam in Erinnerung bleiben? Ist es die „eine“ Zweizimmerwohnung, die dich in einem Dschungel aus Pflanzen begrüsst und mit ihrem wild zusammengewürfelten Interieur von perfekt abgestimmten Möbeln empfängt? Oder sind es die Strassen und das verlockende Gefühl des Unbekannten, welches dich ergreift, wenn du durch die Stadt schlenderst? Sind es all die neuen Begegnungen mit unbekannten Fassaden, die Plätze, das öffentliche Leben, die dir gebührend in Erinnerung bleiben werden?


Ich behaupte, deine kleine Oase in einer Wohnung zu finden, hängt weniger davon ab in welcher Stadt du dich befindest, als davon wie du dich einnistet. Auch sind diese Oasen versteckt vor dem öffentlichen Blick - ein exklusiver Zirkel hat Zutritt zu jenen. Im Gegensatz dazu steht der urbane, öffentliche Raum mit einer vitalen DNA. Dort entsteht das Lebensgefühl einer Stadt – das geteilte Gedächtnis.


Berlin hat eine Dichte an unterschiedlichsten Gesichtern. Mit klingenden Namen wie Prenzlauer Berg, Moabit, Wedding, Kreuzberg, Friedrichshain, Neukölln, Pankow, Charlottenburg oder Spandau, Steglitz, und Tempelhof. Und in die Liste reihen sich noch viele weitere bis zum Ende der Liste…

Diese öffentlichen Räume sind die Orte von Geschichten und Anekdoten.


Der Kühlschrank.

Für die Bestückung der Küche ist in Berlin jeder Mieter selber verantwortlich. Nett gedacht, blieb ein Kühlschrank in der Wohnung zurück. Dieser entpuppte sich jedoch als unbrauchbar. Ein neuer musste her. Der alte Kühlschrank wollte korrekt entsorgt werden. So wurde diese sperrige Box aus Plastik und Edelstahl die Treppe hinunter gehievt, vor die Tür gestellt und für fünf Minuten unbeaufsichtigt zurückgelassen, um ein Auto zu holen. Zurück mit dem Auto um den Kühlschrank aufzuladen, war dieser verschwunden. Jemand musste ihn eingepackt haben.

Eine Anekdote aus Neukölln.


Immer. Wieder. Trouvaillen.

In Neukölln ist die Mentalität der Wiederverwendbarkeit weit verbreitet: Dabei werden Dinge auf die Strasse gestellt, die im eigenen Haushalt keine Verwendung mehr finden. Andere spüren diese auf und dealen weiter. Es herrscht ein anarchisches Handeln und Treiben. Von einer Fensterbank zur nächsten. Im Hausflur des Nachbarn entdeckt und in die farbliche Landschaft meines Kleiderschranks eingefügt. Von Büchern, Filmen, reizarmer Unterhaltung über Betten und Gepolstertes bis hin zu Küchenutensilien im vintage Stil, Digitalem und Esswaren, trifft man täglich auf ein frisches Angebot. Dies ist weit bekannt, auch über das Quartier hinaus.


Das offene Handeln.

Die Dinge, die beim Entrümpeln gefunden wurden, sind meist in tadellosem Zustand. Sie werden fein säuberlich und liebevoll in einer Kartonschachtel arrangiert und vor die Tür oder auf die Strasse gestellt.

Als dieses Sammelsurium von Dingen sauber verpackt auf die Strasse gestellt wurde, ging das Fenster im 3. Stock auf und mit heisser, roher Wut fluchte es: „ Nehmt euren Schrott wieder mit – wir sind hier nicht in Neukölln!“

Hallo Kreuzberg!

Die unterschiedliche Nutzung des öffentlichen Raums zieht sich durch alle Bereiche von Berlin. Von den Strassen, den Lokalen, den Gewohnheiten der Bewohnern und dessen Auftreten, den Preisen sowie der Sauberkeit. Es ist eine lange zusammenhängende Kette, die sich durch den kommunalen Raum stülpt und diesen in seiner eigenen individuellen Farbe einfärbt. Und doch sieht man ein allgemeines, sich wiederholendes Muster, das sich in der Stadt abzeichnet.

Stadtbezirke gehen durch Phasen – Phasen des Reifens und Älterwerdens und entwickeln sich parallel zu seinen Bewohner mit. So wurde aus den jungen Neuzuwanderern im Prenzlauer Berg mit ihrem Übermut und Drang zum Entdecken die Familien von heute.


Der Prenzlauer Berg ist heute ein ruhiger Ort. Sauber und aufgeräumt reihen sich die stilecht renovierten Fassaden aneinander und beherbergen viele junge Familien. Dieser Ort war einst, was Kreuzberg heute ist: Ein pulsierender Hotspot, an dem sich zu viele Dinge gleichzeitig entwickeln und stattfinden, denen man nur mit Mühe folgen kann. Die angesagtesten Bars und hippsten Clubs, die Newcomer aus aller Welt haben sich hier niedergelassen. Es ist «the place to be». Und noch in einer früheren Phase steht das heutige Neukölln. Noch heruntergekommen und chaotisch, jedoch mit viel Charme und lauter kleinen, teils versteckten bezaubernden Orten.

Wenn Stadtbezirke „erwachsen werden“ geht das meist mit dem Älterwerden seiner Bewohner einher, mit ihren Ansprüchen und Bedürfnissen.


Je länger ich in Berlin wohne, desto mehr beobachte ich, dass Bewohner Berlins Teil eines Quartiers sind. Du wirst Teil deines Wohnortes und dieser wird zu deinem Berlin. Wechselt man den Bezirk, ist man Besucher. Man könnte sagen: Tourist in der eigenen Stadt.

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