• Leonne Voegelin

Post aus Berlin – Von Schlangen, Hasen und der Spontanität


Es scheint, als ob wir auf eine “neue Normalität” zusteuern würden, in die “Post-Corona-Zeit”. Man hat sich abgefunden, eine Nasen- und Mundschutz-Maske mit sich spazieren zu führen. Auch hat man sich an die neuen Öffnungszeiten angepasst und sich mit den Abstandsmarkierungen arrangiert. «Spontan» ist von gestern. Zumindest hier in Berlin. 

Unmöglich in diesen Zeiten nach der Arbeit spontan auf ein Bier in die Bar zu sitzen und noch komplizierter wird es, wenn man unmittelbar Lust auf ein Restaurant verspürt und entscheidet, gemeinsam essen zu gehen. Es ist so gut wie unmöglich den Ausflug ins öffentliche Leben nicht vorausgeplant und reserviert anzugehen. Hier braucht alles eine Reservierung – befremdlich. Ich mochte die spontanen Möglichkeiten, die offenen Türen und die Freiheiten, die wir genossen – und im Nachhinein nicht zu schätzen wussten. Sie fehlen mir.



So lief ich am Freitagabend nach der Arbeit mit einem Kollegen den Kanal entlang, auf der Suche nach einem freien Platz und einem kühlen Apéro. Die Suche erwies sich als aussichtslos, waren doch auf jedem freien Tisch kleine, metallene Schildchen aufgestellt, die uns genervt  „Reserviert“ entgegenschrieen. Es schien unmöglich und so entschieden wir uns am Ende auf die „to-go“-Variante. Wir gesellten uns zur Menschenmenge in den Strassen. Das ist in Zeiten wie diesen merkbar der Ort des momentanen Seins. Alle getrieben von der Sehnsucht nach der altbekannten und unterschätzten „fomo*“. Alle suchen nach den Erlebnissen, den nicht mehr auf dem Programm stehenden Events und teilweise ihrer Identität der Klubszene. Momentan stillt man diese Sehnsucht nach Begegnung, Musik und Feierabendbier gemeinsam in den Strassen mit «to-go»’s.

Dieselbe Situation ist auch in den Museen anzutreffen. Vernissagen sind abgesagt oder dann, zur Abwechslung, virtuell über den Computer zugänglich. Ich denke mir, bald wird man auch zum Einkaufen eine Reservierung benötigen. Listen dokumentieren das Warten selbst vor den Haustüren und Läden – Warten ist an der Tagesordnung.

Ich kenne das Schlangestehen in Berlin. Das hat Tradition, doch haben sich diese Schlangen entwickelt. Heute wird nicht mehr mit Wegbier in der Hand vor den Clubs gestanden, denn die sind geschlossen. Die Menschen stehen nun vor Läden wie H&M, Rewe oder Karstadt an – das schliesst das Wegbier jedoch nicht aus. Man steht für das Alltägliche an, wartet und reserviert. So auch für Kultur und Museen. Teils sind die Eintritte schon Monate im Voraus ausgebucht. Belächelte man einst die Ausstellungspolitik der „Boros Sammlung“, für die immer vorbestellt werden musste, reihen sich nun alle Museen in diese Ausstellungspolitik ein: ohne Reservierung bleiben die Türen geschlossen. Ausnahmen generieren lange Schlangen vor Ort. 



Schlangen sind Teil des Berliner Stadtbildes und waren es auch schon immer – es ist wohl das Phänomen, welches sich selbst in kürzester Zeit bestmöglich an Corona angepasst und auf die Reihe bekommen hat. 

Und hat man die Nase endgültig voll von den Schlangen, so gesellen wir uns zu den Hasen in die Parks, denn die gibt es noch immer in rauen Mengen. 



* the Fear of Missing Out



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