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  • Max Kaufmann

«Spinning Class»: die endlosen Ansprüche an meine Generation


Illustration: Florence Dreier


Noch nie habe ich die Universitätsbibliothek so voll erlebt wie in den ersten Tagen dieses neuen Jahres. Gut gemeinte Neujahresvorsätze und die anstehenden Prüfungen treiben zu dieser Zeit fast alle Studierenden in den Lesesaal. Ich selbst habe mir eine Grenze gesetzt: Es darf nie so weit kommen, dass ich wie einige andere Zmorge, Zmittag und Znacht in der Cafeteria esse. Frustrierend, so ins Jahr zu starten.


Vorsätze habe ich mir für dieses Jahr grundsätzlich keine gemacht, denn den typischen Vorsatz, mehr Sport zu machen, habe ich im Herbst bereits eingelöst: Mit einer Freundin habe ich mich fürs Indoor Cycling, eine Spinning Class, angemeldet.


Eingeklemmt zwischen Sebastians und Michelles Anfang dreissig, die zur Leistungssteigerung mit Klickpedalen strampelten, dass der Schweiss von ihren farblich matchenden Sportdresses zu mir herüber spritzte, als würde ein Auto zu schnell durch eine Pfütze fahren, fragte ich mich: Weshalb mache ich mir mit 21 Gedanken über meinen Kreislauf?


Woher soll ich neben allem anderen die Energie nehmen, meine Wädli gesund zu strampeln, nur dass mir die Krankenkassen-App nachher anzeigt, wie viel Gesundheitskosten ich der Allgemeinheit damit erspare?


Es ist ja nicht so, dass nicht bereits genug Probleme an meiner Generation hängenbleiben. Überzeugt mal einen doppelt so alten Mann davon – beispielsweise euren Vater – dass es schon noch Sinn ergeben würde, eine Sprache zu verwenden, die alle anspricht. Seid froh, wenn er euch danach nicht im Stundentakt Anti-Wokeness-Artikel aus der NZZ schickt, die er «noch spannend» finde und gerne beim nächsten Familienznacht besprechen möchte.


Ihr Jungen reagiert über, heisst es vonseiten der Alten immer. Flugscham, SUV-Scham – und was ist denn mit euren ganzen neuen Handys? Kein Wunder übertreiben wir: Sobald ich einen Schritt über die Türschwelle in den Gang mache, schaltet mir meine Mitbewohnerin passiv-aggressiv das Licht im Zimmer aus. Und wenn wir zu unseren Eltern essen gehen, nachdem man den ganzen Tag als Zwiebel gekleidet in der ungeheizten WG herumsass, drehen wir ihnen als erstes die Heizung ab. Seid ihr Kaltblüter, oder weshalb ist es bei euch 25 Grad heiss?


Natürlich sind frierende Eltern nicht die Lösung. Bei den Ansprüchen, die an meine Generation gestellt werden, darf es aber auch nicht verwundern, wenn es dieser einmal reicht. So wie es die «Alten» manchmal darstellen, leben wir in einer Welt, in der die Jungen nur ein bisschen «herumaktivistelen», weil es ihnen guttut.


Schön wäre es, wenn wir nur darauf warten müssten, bis wir alt und bünzlig werden und bis dahin einfach vor uns hin brunchen.




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