• Max Kaufmann

Unterwegs mit dem Bünzli-Pass

Ich habe mir ein GA gegönnt. Jetzt habe ich freie Fahrt für ein ganzes Jahr und dafür nur fast eines meiner Organe verkauft. Denn zum Glück bin ich noch nicht 25, sonst wäre der ganze Spass noch unbezahlbarer. Studi-GAs gibt's ja nicht mehr.


Der Grund für den Kauf? Meine Freundin studiert in Zürich. Seither werde ich oft gefragt, wie das denn so sei in einer "Long-Distance-Beziehung”. Ich kann dann nur zurückfragen, ob es das in der Schweiz überhaupt gibt. Zur Fernbeziehung wird’s in der Schweiz nicht aufgrund der Distanz, sondern dort, wo abends kein Postauto mehr hinfährt.


Illustration: Hanna Girard


Was es aber ist: teuer. In der zweiten Klasse monatlich fast die halbe Miete. Jahrelang habe ich alle bewundert, die bei der Billetkontrolle nur ihren Swisspass hinhalten müssen und – ich bin mir da fast sicher – ein eine Spur freundlicheres Lächeln als alle anderen zurückbekommen. Jetzt besitze ich selbst so einen Schweizer VIP-Bünzli-Badge. Ich weiss aber leider auch, was er kostet.


Ziemlich zeitgleich mit dem Bezahlen meiner Rechnung – es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich das Twint-Limit überschritten habe – las ich über das “Klimaticket” der Österreichischen Bundesbahn. Das kostet etwa ein Drittel so viel. Ich möchte nicht wegen meinem Geld motzen, aber nur soviel: Ein 2650 Franken teures Abo, das sich Jugendliche nur leisten können, wenn Arbeitgeber*innen es übernehmen oder ihre Grossmütter einen Beitrag zum Funktionieren der “Fernbeziehung” ihrer Enkel*innen leisten wollen, wird nie zum Klima-Ticket. Das sollte sich die SBB vielleicht mal überlegen, solange sie an den Bahnhöfen mit Plakaten wirbt, die Klimastreikende zeigen.


Selbst bei denen, die sich den ÖV leisten können, ist es schwierig: In den meisten Haushalten, die genug für ein Familien-GA verdienen, stehen eh schon zwei Autos in der Garage. Wenn man dann (nicht wie ich, der noch nicht über den Nothelfer*innenkurs herausgekommen ist) auch fahren kann, ist es naheliegend, vermeintlich günstiger mit dem Auto nach Zürich oder Bern zu fahren. Vor allem solange die Eltern die Fixkosten übernehmen, statt den Kindern ein Halbtax zu zahlen.


Genug aufgeregt: Ich geniesse meine Freiheit mit dem GA. Und die hohen Preise der Billette geben mir bei jeder Fahrt das gute Gefühl, mein Abo immerhin schnell amortisiert zu haben. Aber wie schräg ist das eigentlich? Viel schöner wäre es doch, wenn die Distanzen zwischen den Städten durch bezahlbare Tickets kleiner statt grösser würden. Nur schon bei mir an der Uni pendeln viele aus den verschiedensten Orten hin und her, gerade in Zeiten von hybridem Unterricht.


Die Zeit im Zug könne übrigens gut zum Lesen und Lernen verwendet werden, haben mir einige Mitstudierende gesagt. Wenn es Platz im Abteil hat, stimmt das. Nur fühlt es sich recht schräg an, die Marx-Ausgabe erst kurz zur Seite zu legen, um den Kontrolleur*innen meinen VIP-Bünzli-Swisspass zu zeigen.


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