• Max Kaufmann

Wilde Herzen und die Angst vor dem Spotify-Jahresrückblick


GIF Collage: Pia Zibulski


«Wilde Herzen» ist kein Zitat aus einem Heinrich-Heine-Gedicht, das ich als Maturalektüre lesen musste, sondern der Titel einer Playlist bei Spotify. Laut ihrer Beschreibung enthält die Playlist «Indie, Pop und Rap mit deutschen Texten». Genau deswegen verfolgt sie mich schon seit ich meine iTunes-Mediathek aus halb-legal gedownloadeten Titeln über Bord geworfen habe und begann, Spotify jeden Monat schön brav einen Teil meines Taschengelds zu überweisen. Ich hatte damals eine Phase, in der ich Musik auf Deutsch hörte. Die dauert zum Teil bis heute an.


Ich habe also nichts gegen deutsche Musik. Nur ist es so, dass Spotify gefühlt alle Musik, die auf Deutsch ist – ausser vielleicht Helene Fischer – in denselben Topf wirft. Das ist aber wenig erstaunlich bei der Stimmung, die der Grossteil dieser Songs vermittelt: Hauptsache dramatisch und melancholisch.


Die Band «Provinz», die aktuell in keiner Deutsch-Playlist fehlen darf, lässt sich ausschliesslich auf Autodächern liegend fotografieren und singt dabei von Beziehungen, die nie zu funktionieren scheinen. In «Tanz für mich» wird erst gewarnt: «Lass dich nicht auf mich ein, Baby sonst brichst du noch.» Dann klappt es anscheinend doch, wenn auch nur mit Vorbehalt. «Tanz für mich, dreh dich im Kreis», meint das lyrische Ich. Weil sich darauf aber «Dein Herz bricht so leicht» reimt, ist die Idylle schon wieder zerstört. Ein Song, als wäre er für die «Wilde Herzen»-Playlist geschrieben worden. Da fällt es mir schwer, Spotify wegen seiner Playlist-Namen Vorwürfe zu machen.


Beim Titel einer ziemlich ähnlichen Playlist – sie heisst «Deutsche Poesie» – habe ich eindeutig mehr Vorbehalte. Wenn da Mark Forster auftaucht, der Traurigkeit als «Dir geht’s nicht gut, dir gehts drei Viertel gut» beschreibt und «Katy-Perry-Song» auf «King Kong» reimt, wünsche ich mir fast Heine zurück. Da hat der Deutschlehrer am Gymnasium, der mit allem Neumodischen nicht viel am Hut hatte, echt mal recht gehabt. Gemeinsam haben beide Playlists, dass sie den perfekten Soundtrack zum Leben als Pärchen anfangs zwanzig bieten, das gemeinsam in einer Altbauwohnung wohnt und auf dem Fenstersims ein solides Avocado-Bäumchen stehen hat, das die Nachbar*innen vor Neid erblassen lässt.


Aber wie gesagt, ich habe nichts gegen deutsche Musik. Sonst würden mir diese Playlists ja nicht empfohlen werden – und ich müsste mir auch keine Sorgen machen, dass der eine oder andere erwähnte Act viel zu prominent in meinem Spotify-Jahresrückblick auftaucht. Was sich daraus lernen lässt? Ziemlich viel. Meine Angst, dass diese Musik im Spotify-Jahresrückblick auftaucht, veranschaulicht soziale Kontrolle besser als es jeder dozierenden Person in meinen ersten zwei Semestern des Soziologiestudiums gelungen ist.


Ich warte also (an-)gespannt auf meine Top-Listenings dieses Jahres. Oder um es in Mark Forsters Worten zu sagen: «Ich hör die Streicher in meinem Kopf – sie klingen bedrohlich. Als kommt Darth Vader gleich vorbei und holt mich.»




Collage: Pia Zibulski


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