• Matteo Gisler

Ein kleines, digitales Drama in zwei Akten

Was wäre, wenn man ein Virus selber erschaffen könnte? Etwas Virales, das den menschlichen Verstand einnimmt und das Handeln des Individuums beeinflusst? Und was, wenn es dazu lediglich eine soziale Kommunikationsplattform und ein mässig gut aufgelöstes Bild aus dem Wikipedia-Artikel zum Thema “Kerze” braucht?


Illustration: Hannah Oehry

Akt 1: Das Virus


Begonnen hat alles mit einem harmlosen WhatsApp Status-Bild, das ich am Montagabend entdeckte. Ganz abgesehen davon, dass kaum einer meiner eingespeicherten Kontakte unter 40 die Story-Funktion des Chat-Riesen nutzt (was wohl ein Grund des ganzen Problems ist, aber dazu später mehr), entdeckte ich also besagten Eintrag, der das Bild einer brennenden Kerze zeigt. Soweit so unspektakulär. Einige Augenblicke und eine weitere Story später las ich: Poste diese Kerze in deinen Status, um das Licht der Solidarität für 24 Stunden aufleuchten zu lassen.


Schön und gut. Kann man machen, muss man aber nicht, dachte ich mir. Halt wieder mal etwas, das unsere meist eher weniger medien-kompetenten Eltern oder gar Großeltern für rührend und unterstützenswert empfanden und gleich mit ihren Mitmenschen teilen mussten. Und so füllte sich die Status-Seite in meinem WhatsApp, bis beim Höchststand ganze sieben Kerzen gleichzeitig aufleuchteten. Das Virus hatte sich erfolgreich verbreitet.



Akt 2: Fake-News


Über alles bisher Geschehene kann man geteilter Meinung sein – ob man solche Aktionen denn nun toll, witzig, lächerlich oder schön finden soll. Ich habe es zunächst mit einem müden Lächeln zur Kenntnis genommen. Doch dann wurde ich auf Twitter auf folgende, nun anscheinend parallel zur Kerze ebenfalls kursierende, WhatsApp-Nachricht aufmerksam:



Und tatsächlich, ein kurzer Blick auf die Statusbilder meiner WhatsApp-Kontakte verriet: Auch hier schien die oben gezeigte Nachricht angekommen und auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein.


So verschwanden die Kerzen nach und nach aus WhatsApp, so schnell wie sie gekommen waren. Bis letztlich wenige Stunden später keine einzige “Flamme der Solidarität” mehr leuchtete. Faszinierend.


Und die Moral der Geschicht’?


Dieses Phänomen des Kettenbriefs gibt es schon so lange das Internet existiert. Angefangen zu Beginn mit dubiosen E-Mails, die einem versicherten, man würde das Zeitliche segnen, wenn man besagte Mail nicht innerhalb von 24 Stunden an genau 42 Personen weitergeleitet hat, bis hin zu Erklärungen auf Facebook, man lehne irgendwelche neuen Datenschutzerklärungen ab.


Dass technisch gesehen in einem Kerzenbild auf WhatsApp kein Virus versteckt sein kann, das private Daten sammelt, ist mir als gelernter Informatiker natürlich genauso klar, wie dass man mit einem einfachen Facebook-Post keinesfalls den Datenschutzerklärungen einfach so widersprechen kann. Doch sowas zu erkennen, das gelingt auch in der heutigen Zeit noch längst nicht jedem.


Umso wichtiger ist es, auf Social Media Gelesenes nochmals zu reflektieren und achtsam zu sein. Quellen zu überprüfen, bevor man blind weiter postet. Denn wenn das Virus den Namen “Fake-News” trägt, ist das wohl einzig funktionierende Gegenmittel: Medienkompetenz.


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