• Leonne Voegelin

Post aus Berlin - Ein subjektiver Report


Niemand weiss, wohin uns das COVID-19 Virus bringen wird oder wie lange das hier alles noch dauern wird. Eines ist klar : Es ist das Thema Nummer eins jeder Konversation, jeder Zeitung, im Netz oder auf der Strasse und bestimmt uns im täglichen verrichten von Alltagskram wie zB einkaufen. Deshalb habe ich mir vorgenommen, meine Wochenzeitung (Die Zeit) unter dem COVID-19-Aspekt zu betrachten. Tatsächlich hat das Thema Überhand genommen: Das Virus wird in jedem Zusammenhang gebracht und aus jedem erdenklichen Standpunkt analysiert. 


Heute mag ich kaum noch die Zeitung aufschlagen. Obwohl neue Aspekte, Erkenntnisse und neue Zahlen dazu kommen, ähneln sich die Schlagzeilen und der Appell an die Berliner*innen seit längerem schon: «stay at home». Und trotzdem reihe ich mich in die Berichterstattung über das COVID-19 Virus ein: ein subjektiver Report aus Berlin, Neukölln. 

Zu Beginn, als ich diesen Artikel zu schreiben begann, hatte ich bereits zwei Wochen Homeoffice durchgestanden. Die Medien berichteten schon länger über den Anmarsch der Pandemie. Mein Büro beschloss früh, am 12. März, ins Homeoffice zu gehen. Ich glaube, wir waren so ziemlich die einzigen in Berlin. Da schien das öffentliche Leben und das Wissen um das Virus noch nicht bis zu den Berliner*innen durchgedrungen zu sein. Doch die Situation sollte sich rapide ändern: Am 17. März wurden durchgreifende politische Massnahmen eingeführt. An diesem folgenden Wochenende verkündete Merkel die Schliessung aller Schulen sowie die Schliessung der Läden, die bis auf eingeschränkte Öffnungszeiten dicht machen mussten. Alle Clubs und Bars wurden geschlossen, alle Veranstaltungen ausnahmslos untersagt. Social Distancing wurde zum Wort der Stunde (oder eher des Jahres?) im öffentlichen Raum. Dies schien die Berliner*innen jedoch vorerst nicht zu tangieren.



Berlin hat den Ruf einer freiheitsliebenden Metropole. Jedem ist alles gestattet, solange es dem Dritten nicht schadet. Eine Mentalität, die nicht  ganz Virus-konform ist. Ein Paradoxon, das ich auf den Strassen Neuköllns antreffe. Demnach richtet sich das Bild seiner Strassen mehr nach den sonnigen Temperaturen:

Hier treffen sich kurze Hosen und ausgelassene Stimmung. Menschen stehen auf dem Gehweg für Brot, Kaffee oder Eis Schlange und bummeln durch das Quartier. Mit der Schönwetterlage füllen sich die Parks. Die Schliessung der Cafés und Restaurants machen ihre Besitzer erfinderisch: Sie bedienen ihre Gäste am Fenster. Die Leute werden kreativ. Als Ersatz für die Stammkneipe gibt es nun die Fenster-Feierabendbiere. Ausgelassene Stimmung prägt die Strassen von Neukölln. Vereinzelt trägt man hier Hygienemasken, aber meist baumeln diese am Hals herunter. 


Doch langsam werde ich von den Nachrichten eingeholt. Ich ertappe mich dabei, beim Öffnen von Türen meine Jacke über die Hände zu streifen. Und plötzlich ziehe ich Umwege vor, um bestimmte Dinge nicht mehr anfassen zu müssen, die ich zuvor in den Händen eines Hustenden gesehen hab.


Einerseits nehme ich die Isolation beziehungsweise die “1.50m-Distanz-Einhaltung” kaum wahr. Es ist kein Ausnahmezustand anzutreffen. Andererseits werden soziale Einschränkungen und Massnahmen innert Stunden durchgeführt und Merkel appelliert innigst an die Selbstdisziplin und Vernunft der Berliner*innen. 

Diese, noch entspannte Situation, die hier herrscht, beruhigt mich.

Es ist eine angenehme Abwechslung zu den vierundzwanzig-Stunden-Pushnachrichten auf dem Telefon. Und da fängt mein innerer Klintsch an. 

Letzten Samstag, 4. April, drängte sich eine Menge auf den Markt am Karl-Marx-Platz. Da schien von Distanz und Hygienemassnahmen keine Spur. Auf dem Böhmischen Platz genoss Jung und Alt die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings, plauschten bei Take-Away-Café und frönten dem Leben. Die Menschen spielten Ping Pong oder Federball, es wurde gemalt und gespielt. Irgendwie fühlte es sich ein bisschen nach Ferien an! 

Ich linse auf die aufgekratzte Menge und die Frage überkommt mich, ob und wie die Virus- Nachrichten die Stuben dieser Leute erreicht hat und ob ihnen das COVID-19 nichts anhaben kann. Resistent gegen das “wir” einer Gesellschaft oder bin ich jetzt vor lauter Homeoffice intolerant und gar etwas neidisch geworden?


Ich würde mich gerne dazu gesellen und meinen Kaffee in sonniger Gesellschaft teilen. Doch dann erwischt mich wieder diese kleine Stimme aus dem Off, bittet um Verständnis und drängt mich zur Einsicht – und das ist wohl gut so, denke ich. 


Es ist das Gefühl einer kollektiven Auszeit aus dem Alltag. Nur in den Geschäften werden die COVID-19-Massnahmen nun merk- und sichtbar: Abstandsmarken sind eingeführt, es wird mit Kreditkarten bezahlt und Cafés sowie Restaurants servieren strikt nur noch “Take-Away”. Auch die U-Bahn hat sich geleert. Doch bin ich mir nicht sicher, ob dies der Dringlichkeit der Situation zu verschreiben ist, oder ob es der Sonne zu verdanken ist, welche die Menschen auf ihre Fahrräder steigen lässt und sie aus dem Untergrund ans Warme lockt. 

Die Welt scheint sich weiter zu drehen und die Stadt ihren gewohnten Rhythmus zu leben.

Ich kann behaupten, froh zu sein, meine Quarantänezeit in dieser Kulisse zu leben. 


“BSg!” *




* Zeit Magazin N°15, 02.04.2020; Seite 8 (Harald Martenstein; Über ambivalente Corona-Gefühle - und ein Vorschlag für eine neue Grußformel)



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