• Matteo Gisler

Tobias Jensen – Musiker sein ist ein Knochenjob

Tobias Jensen stand mir in meinem Musiker-Dasein bereits öfters mit Rat und Tat zur Seite, verhalf meiner Band zu Auftritten und überließ mir vor einigen Jahren sein altes Gitarren Effekt-Board zu einem lächerlich günstigen Preis. Nun hat er seine erste eigene Single veröffentlicht. Grund genug, endlich über Tobias Jensen zu schreiben und euch seine Musik zu präsentieren.


© Pascal Küng

Den 31-jährigen Zürcher Musiker mit dänischen Wurzeln kannte man lange vor allem als Gitarrist des Musiker-Kollektivs KARAVANN, welches Tobias damals gemeinsam mit seinem Schulfreund Fabian Imper ins Leben gerufen hatte. Ergänzt durch Ryan Sanders aus Australien, den die Musiker tatsächlich überzeugen konnte allein für das Projekt in die Schweiz zu ziehen, konnte die Gruppe mit ihrem Debüt-Album beachtliche Erfolge feiern (Platz 14 in den Schweizer Album-Charts) und mit ihrem mitreißenden Pop-Sound quer durch die Schweiz touren. Das glamouröse Musiker-Leben kennt Jensen also bereits – sollte man zumindest meinen. Wir haben uns via Skype verabredet und zusammen über sein Solo-Projekt, Corona-bedingte Existenzängste und seine Zukunftspläne gesprochen.


In der aktuellen Situation von Musik leben, ist wohl für keinen eine einfache Aufgabe. Weshalb es auch kein Wunder war, dass auch bei diesem Skypegespräch das “Coronathema” nicht fernab war. Auch Tobias musste jegliche Shows, welche für diesen Frühling – beziehungsweise den gesamten Sommer geplant waren – absagen. So steht wohl auch sein Auftritt am Openair St. Gallen kurz vor dem Aus. Eine ziemliche Challenge also, nun finanziell irgendwie über die Runden zu kommen. Immerhin ein positiver Aspekt tut sich auf: plötzlich ist Zeit für andere Dinge da.


Aber wohin denn nun mit der neu gewonnenen Freizeit? Viele befreundete Musiker schreiben gerade neue Songs und sind kreativ., meint Tobias, Das freut mich sehr für sie, jedoch habe ich selbst momentan null Inspiration, um Songs und Texte zu schreiben. Ich brauche den Kontakt zu Menschen, um auf neue Ideen zu kommen.


Andere Musiker machen sich die Situation zu nutze und streamen Konzerte aus dem Wohnzimmer live übers Internet. Grundsätzlich finde ich das eine schöne Sache, über die sich die meisten Fans bestimmt freuen, findet der Singer-Songwriter. Weiter meint Tobias, dass dabei aber nicht vergessen gehen sollte, dass sich unter den Livestreamern auch viele Berufsmusiker befinden würden: Dass Livestreams nicht bezahlt sind, stresst mich. Wir leben von der Musik und sind darauf angewiesen, dass das Ganze einen Wert hat. Ich will das nicht gratis geben. Livemusik sollte durch das nicht entwertet werden, meint Jensen kritisch.


Tobias hatte sich ganz bewusst dazu entschieden, seine Single vor einer Woche trotz anhaltender Ausnahmesituation zu veröffentlichen. Eine komplette EP mit fünf Songs sei bereits fertig produziert und das Video zur Debüt-Single “Battles, Battles” war ebenfalls bereit zur Veröffentlichung gewesen. Den kompletten Release-Plan nun wegen Corona über den Haufen zu werfen, hätte ich schade gefunden, erklärt Tobias.



Trotzdem bringt die momentane Situation einige Hindernisse mit sich, wenn ein Song erfolgreich unter die Menge gebracht werden will. Der Song kann so weder bei Live-Konzerten, noch auf Promotour oder mit Radio-Interviews präsentiert werden. So bleiben eigentlich nur noch die Streams auf Plattformen wie Spotify und Werbung per Social Media. Dass ausgerechnet der Song “Battles, Battles” nun die erste veröffentlichte Single ab der EP geworden ist, wurde natürlich ebenfalls nicht dem Zufall überlassen. Es war aber nicht zwingend der Song, von dem wir uns am meisten kommerziellen Erfolg erhoffen. Stattdessen sei die Aufnahme des Songs im Studio ein ganz spezieller Moment gewesen. Battles war der Song, der mich selbst maximal geflashed hat, erzählt Tobias.


Man müsse beim Veröffentlichen eines Songs nicht nur danach gehen, was dem Zielpublikum am besten gefällt, sondern danach, was einen selbst am meisten berührt. Mach doch einfach dein Ding; und wenn es dir zu 100% gefällt, dann wird es vielleicht auch anderen Leuten gefallen. Es muss das in einem selbst brennen, was man in anderen Leuten entfachen möchte. Und dann kann man nur noch hoffen, kein so großer Weirdo zu sein, damit keiner sonst etwas damit anfangen kann.


Diese Erkenntnis kommt nicht von Ungefähr. Tobias Jensen ist schon seit acht Jahren im Musikbusiness tätig. Angefangen hat seine musikalische Reise damals in den HitMill Studios in Zürich, wo er drei Jahre lang arbeitete. Seit dreieinhalb Jahren ist er nun selbständig und lebt weiterhin komplett von der Musik. Nebst den Einnahmen durch Gagen von Konzerten heisst das: Hinter den Kulissen bei Konzerten von anderen Künstlern, unter anderem beim Innerschweizer Musiker Kunz, als Roadie und Stagehand zu arbeiten. Ein ziemlicher Knochenjob, bei dem aber viele neue Dinge gelernt werden können. Ich habe viel über Veranstaltungs- und Tontechnik gelernt. Zudem weiss ich nun auch, wie man eine Mandoline oder ein Hackbrett stimmt.


Reich wird man im Musik-Business in der Schweiz aber kaum. Ich habe mich jahrelang quasi nur von Quark und Müesli oder Pasta ernährt. Für mich war immer nur wichtig, irgendwie über die Runden zu kommen. Reserven anzulegen war in der Zeit kaum möglich.


Das macht auch das Veröffentlichen einer EP nicht einfacher. Musikvideos müssen bezahlt werden und natürlich gehört auch eine anständige Promotion der Songs mit dazu. Darum ist auch der weitere Fahrplan für die Veröffentlichung der EP auf Eis gelegt. Ich muss mich nun erstmal orientieren, wann ich das Geld für den Release zusammen habe, welches das Release nunmal einfach kostet, wenn man es richtig machen will… Wir haben uns so viel Mühe gegeben mit den Songs und im Studio, dass ich auch will, dass es Anerkennung findet und die Leute erreichen kann, die damit etwas anfangen können.


Um das Geld für die Debüt-EP zusammen zu bekommen, habe sich Jensen in den letzten Monaten “dumm und dämlich” gearbeitet und jeden Job angenommen, den er irgendwie bekommen konnte. Das alles mit wenig Schlaf, ich bin körperlich recht erschöpft gewesen, erzählt mir Tobias schmunzelnd.


Nun ist gezwungenermassen etwas Ruhe eingekehrt. Das sei auch nicht nur schlecht, meint Tobias Jensen: Ich bin so erholt wie schon lange nicht mehr. Sollte es sich nun sogar noch so einstellen, dass ich plötzlich kreativ werde und einige Songs schreiben kann, dann soll mir die aktuelle Situation noch so recht sein.


Das Leben als Musiker ist also alles andere als leicht. Die wenigsten können sich zurücklehnen und in Ruhm und Erfolg baden. Viel mehr investieren Leute wie Tobias Jensen nicht nur ihre ganze Zeit, sondern auch ihr ganzes Herzblut in ihre Kunst, um Menschen damit zu erreichen. Musiker sein ist für viele ein Knochenjob – höchste Zeit also, dies den Schweizer*innen ins Bewusstsein zu rücken.


Mehr zu Tobias Jensen und seiner Musik findest du auf Instagram, Facebook oder seiner Website.


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