• Claire Flury

Architekturspaziergang № 2 / Rosental

Wie so viele andere zog es mich in den letzten paar Wochen vermehrt nach draussen, um mir die Beine zu vertreten. Um die vielen Menschen am Rheinufer und in den Parks zu vermeiden, zog es mich in Gassen, die ich bis anhin noch nie durchschritten habe. Neben Ruhe und Ausgleich habe ich dort vor allem eins gefunden: Perlen der Architektur. Diese möchte ich euch nicht vorenthalten und lade in dieser neuen Beitragsserie gerne auf Architekturspaziergänge in den unterschiedlichen Quartieren Basels ein.

© Claire Flury

Bis vor wenigen Jahren hätte es sich wohl nicht gelohnt, einen architekturbezogenen Spaziergang im Rosentalquartier vorzuschlagen. Mit dem verschmähten Syngentahauptsitz, dem unzugänglichen Chemieareal und der Nähe zur Autobahn vermochte das Quartier keinen architektonischen Glanz ausstrahlen. Einzig der Badische Bahnhof sowie das prominente Messeareal taten sich bis anhin aus diesem Grau der Fabrik- und Bürobauten hervor. Wirft man jedoch nun einen Blick in Richtung Norden, erweitert sich der architektonische Horizont laufend und es lässt sich auf einer kurzen Strecke wunderbare Architektur bestaunen.


1 Badischer Bahnhof, Karl Moser, 1913, Schwarzwaldallee 200

Folgt man der Rosentalstrasse vom Ende des Spaziergang Nr. 1 in Richtung Osten, so eröffnet sich einem sogleich die Fassade des Badischen Bahnhofs. Mit seinem Turm strahlt dieses Bauwerk durchaus sakrale Züge aus. Dies verwundert bei näherer Betrachtung der Baugeschichte wenig, ist doch der Architekt Karl Moser auch für die Antonius- sowie Pauluskirche verantwortlich.

Ursprünglich auf dem Gelände der heutigen Messe gebaut, befindet sich der zweite Badische Bahnhof nun einige hundert Meter weiter. Seit 1913 trennt das Gebäude die beiden Quartiere Rosental und Hirzbrunnen. Unter den erhöhten Gleisanlagen schuf Moser Unterführungen, die die beiden Quartiere miteinander verbinden.

Lässt man seinen Blick der ausladenden Fassade entlang schweifen, so entdeckt man viele Details des reformarchitektonischen Baus. Nicht zuletzt deshalb, fühlt man sich einige Jahre zurückversetzt, wenn man vor diesem altehrwürdigen Gebäude steht.



Weiter nördlich trifft man auf eine Siedlung, die dem Quartier in äusserst kurzer Zeit ein neues, weiteres Gesicht verliehen hat. Dem ehemaligen Güterbahnhof ist in den letzten zehn Jahren eine enorme Veränderung widerfahren. Einzig die Bahnschwellen und die ausgediente Bahnkantine zeugen noch von seiner Vergangenheit. Ansonsten wird die Siedlung nun von 2500 neuen Bewohner*innen belebt. Weithin als Fehlplanung mit vorstädtischem Flair bekannt, hat jedoch auch das Erlenmatt, vor allem der östliche Teil der Stifung Habitat, einige architektonische Blickfänge zu bieten.



2 StadtErle, Buchner Bründler, 2017, Goldbachweg 8

Im Gegensatz zu seinem gegenüberliegenden Nachbarn im Westen, ist dieser Bau von Buchner Bründler Architekten alles andere als charakterlos. Die auffällig grünen Fensterbänder verleihen der Fassade einen gewissen Fabrikcharme, der durch die Grobheit der Konstruktion unterstrichen wird. Die «StadtErle» überzeugt vor allem durch ihren Gemeinschaftscharakter. Die 33 Wohneinheiten und deren Bewohner*innen begegnen sich nicht nur in den Lauben des Innenhofes, sondern auch in der kollektiven Projektentwicklung. Das Miteinander sowie soziale Aspekte waren sowohl Grundbausteine der Architektur als auch der Genossenschaft. Geprägt wird das Haus daher durch wenig Privatraum, überzeugt jedoch mit viel öffentlicher Fläche. Im Erdgeschoss findet man sich beispielweise im Mittelpunkt der Wohngemeinschaft, der offenen Lobby sowie der Gemeinschaftsküche wieder. Im 5. Stock liegt eine 16.5-Zimmer Wohnung, die sich bestens für alternative Wohnformen eignet. Einen geteilten Ausblick über das umliegende Quartier erhält man auf der grosszügigen Dachterrasse. Von hier lassen sich auch die Nachbarn des nächsten Halts beobachten.



3 Wohnregal, Abraha Achermann, 2019, Goldbachweg 12 + 14

Viel Privatsphäre gibt es in den beiden «Wohnregalen» von Abraha Achermann Architekten sowieso nicht. Hinter der auffällig gegliederten Fassade mit ihren roten Storen, befinden sich bis zu viergeschossige Wohnungen, die allesamt den Zimmerwänden überdrüssig sind. Gegliedert werden die offenen Grundrisse lediglich durch die Nasszellen. Auch hier sticht die Rohheit der Architektur hervor: Leitungen, Konstruktion und Technik sind sichtbar. Dies ist nicht nur kostengünstig, sondern lässt auch eine grosse Flexibilität in der Wohnungsgestaltung zu. Auf relativ wenig Fläche entsteht somit viel kreativer Spielraum.



4 KÜNSTLERATELIERS, Degelo, 2019, Erlenmatt Ost

Noch radikaler geht es in der Schweiz wohl nur im dahinterliegenden Nachbarshaus zu: Das Künstlerhaus von Heinrich Degelo setzt in vielen Aspekten neue Masstäbe und widersetzt sich jeglichen Konventionen. Durch eine äusserste Reduktion wird ein Mietzins von zehn Franken pro Quadratmeter für die Mieter*innen möglich. Lediglich eine sanitäre Anlage ist beim Einzug eingebaut. Eine Heizung gibt es im Atelierhaus nicht. Diese ist aber auch gar nicht nötig, verfügt das Haus doch über ein ausgeklügeltes Lüftungssystem. Die 35 Kunstschaffenden der Genossenschaft «Coopérative d’Ateliers» sind alle selbst für den Innenausbau der loftartigen Wohnungen verantwortlich. Wohnen und Arbeiten am selben Ort wird so ermöglicht. Individueller als auf diesen 44 x 15 Metern Wohnfläche geht es wohl nirgends zu und her. Lediglich die hofseitige Fassade mit den markanten Holzloggien sind feste Komponenten in der Architektur. So lässt es sich auf den von Andreas Bally entworfenen Veranden wohl wunderbar über den nächsten Weiterbau der Wohnung nachdenken.


5 SILO, Harry Gugger Studio, 2020, Signalstrasse 37

Gleich angrenzend befindet sich ein Gebäude mit längerer Tradition. Das über hundert Jahre alte Lagerhaus, wurde von Harry Gugger Studio zu einem Hostel umgebaut. Ab Sommer 2020 liegen nun nicht mehr Getreidesäcke oder Kakaobohnen, sondern Reisende nebeneinander. Die Struktur der Lagerkammern wurde in Gedenken an die Geschichte des Hauses weitgehend beibehalten. Auch Platz für Atelies und Seminarräume wurde darin geschaffen. Ein weiterer Ort der Begegnung und des Austauschs ist mit dem «Silo» entstanden; auf Gäste- wie auch Gastgeberebene. Die Stiftung «TALENT», die hinter dem Umbau steht, sieht das Hostel als Förderinstitution für junge Berufsleute im Gastgewerbe vor.

Nebst der Jugendherberge im St. Alban verfügt die Stadt Basel nun über eine weitere architektonische Hotellerie-Besonderheit.


In der Erlenmatt lässt sich über die Frage des guten Geschmacks und der Gestaltung diskutieren. Städte- und landschaftsplanerisch ist es sicherlich ein lehrreiches Kapitel in der Architekturgeschichte Basels. Wer weiss, wie lebendig sich das totgeglaubte Quartier in Zukunft noch zeigen wird?

Beim Flanieren durch den scheinbar endlosen Park und die Innenhöfe lässt es sich auf jeden Fall bereits lebhaft über deren Architektur diskutieren.


In dieser Beitragsserie lädt Claire Flury zu Architekturspaziergängen in den verschiedenen Quartieren Basels ein.

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