• Claire Flury

Architekturspaziergang № 3 / Clara & Altstadt Kleinbasel

Wie so viele andere zog es mich in den letzten paar Wochen vermehrt nach draussen, um mir die Beine zu vertreten. Um die vielen Menschen am Rheinufer und in den Parks zu vermeiden, zog es mich in Gassen, die ich bis anhin noch nie durchschritten habe. Neben Ruhe und Ausgleich habe ich dort vor allem eins gefunden: Perlen der Architektur. Diese möchte ich euch nicht vorenthalten und lade in dieser neuen Beitragsserie gerne auf Architekturspaziergänge in den unterschiedlichen Quartieren Basels ein.


© Claire Flury

Der dritte Architekturspaziergang führt uns sowohl durch das Claraquartier wie auch durch die angrenzende Altstadt Kleinbasels. Beide Quartiere sind eher als Geschäfts- denn als Wohnviertel bekannt und wurden beinahe lückenlos bebaut. Eine Ausnahme bildet die Claramatte, wo sich bereits das erste kleine aber feine architektonische Bijou befindet.




1 Kindertankstelle, Caesar Zumthor Architekten, 2019, Klingentalstrasse 47

Auf Grund der wenigen Grünfläche avancierte die Claramatte zu einem wichtigen Treffpunkt für das ganze Quartier. Insbesondere für die Kinder bot sie viel Platz zum Spielen und Austoben. Nach einer ersten provisorischen Bebauung im Jahr 2006 mit einer «Kindertankstelle», folgte im letzten Jahr eine umfassende Renovierung der gesamten Parkanlage. Caesar Zumthor Architekten ersetzten den in die Jahre gekommenen Spielcontainer durch einen modernen Pavillon. Dieser umfasst nun einen Spielzeugverleih, eine Buvette für gross und klein sowie diverse sanitäre Anlagen. Begleitet und betreut wird die «Kindertankstelle» von der Robi Spielaktion.

Der klare und schlichte Bau passt sich in die begrünte Umgebung ein und bildet mit seinem Sichtbeton einen angenehmen Kontrast zur restlichen Parkanlage. Die Grenzen zwischen Innen und Aussen verschwinden dank den grossen Fensterfronten und tragen so zu einem lichtdurchfluteten Raum bei. Ein weiterer Dialog zwischen der Natur und dem Neubau wird mit den dunkelgrünen Fensterrahmen und Türen geschaffen.




2 Volkshaus, Henri Baur, 1925, Rebgasse 12-14

Ein anderer Ort der Begegnung bildet der zweite Stopp auf unserem Spaziergang. Ursprünglich als Burgvogtei genutzt, ist dieses Bauobjekt seit 1925 unter dem Namen Volkshaus bekannt. Seit jeher ist dieser Ort einer, von hoher Nutzungsvielfalt. Dieser Geschichte wollte man auch beim Um- und Anbau des Basler Architekten Henri Baur in den 1920er Jahren Rechnung tragen. Die bestehende Konzerthalle wurde mit weiteren Säälen sowie einem Restaurant als auch diversen Büroräumlichkeiten im Art-Déco-Stil ergänzt. Somit erstrahlte das Gebäude in jener Form, in der es heute wohl die meisten kennen.

Das Haus blieb jedoch nicht unberührt. Auf Grund von wirtschaftlichen Schwierigkeiten drohte der Kulturinstitution in den 70er Jahren gar ein Abbruch. Man entschloss sich letztendlich doch für einen weiteren Umbau, was in einer mehr schlecht als rechten Renovierung mündete. Wichtige Teile, die zum Charakter des Baus beitrugen, wurden kurzerhand zugebaut und mit wenig Gespür für dessen Typologie verändert.

Bei den nächsten umfassenden Umbauten der Bar und Brasserie zeigte das Büro von Herzog & de Meuron weitaus mehr Verständnis für die Charakteristika des Volkshauses. Im Jahr 2012 wurde der alte Glanz unter abgehängten Decken und zugemauerten Wänden wieder hervorgeholt, um dem Haus seine architektonische Identität zurück zu geben. Ab Herbst 2020 lädt das Volkshaus zudem zu einer Übernachtung im neuen Boutique-Hotel ein, welches ebenfalls von Herzog & de Meuron entworfen wird.



3 Jazz Campus, Buol & Zünd, 2013, Utengasse 15

Eine Querstrasse weiter trifft man auf eine Kulturinstitution, die ebenso über ein architektonisch einzigartiges Gewand verfügt. Durch die Verbindung der historischen Bausubstanz einer ehemaligen Fabrik mit moderner Architektur hat das Büro Buol&Zünd vor wenigen Jahren ein Zuhause für den Jazz geschaffen. Auf dem Jazz Campus treffen seit 2013 die Musikhochschule für angehende Jazzmusiker*innen, die Musikschule für Kinder und erwachsene Laien, Aufnahmestudios, Konzertsäle, eine Bibliothek sowie vier Wohnungen für Studierende und Dozierende aufeinander. Auch ein Club, der sich zur Stadt hin öffnet, dient als Ort des Austausches zwischen Studierenden und Musikaffinen aus der ganzen Welt. Die historische Substanz wurde gekonnt mit modernster Technik verbunden und gleichzeitig sorgfältig in den Quartierkontext integriert. Herz des Campus bildet ein Innenhof, um den sich die dazugehörigen Gebäude gruppieren. Von aussen als einzelne Einheiten wirkend, sind die Häuser im Innern gleichwohl miteinander verbunden. In den Räumen selbst, findet man eine herausragende Ausarbeitung der Akustik vor, die durch die Materialisierung ersichtlich wird. In einer Haus-In-Haus-Konstruktion wurden die Räume vom störenden Lärm der Stadt abgeschirmt.

Der Hofraum fungiert so nicht nur als Schnittstelle zwischen Kulturschaffenden und Publikum, sondern auch als Verbindung von Schule und Öffentlichkeit, die sich gegenseitig befruchten.

Entstanden ist mit dem Jazz Campus ein musikalisches Labor mit grosser Bedeutung für Musikschaffende, das in dieser Art wohl einzigartig ist.


4 Kantonales Arbeitsamt, Erwin Rudolf Heman, 1932, Utengasse 36

Auf dem Weg zu der Institution, die den Jazz Campus grösstenteils ermöglicht hat, lohnt es sich einen Stopp beim Kantonalen Arbeitsamt einzulegen. Im Jahr 1932 gebaut, orientierte sich der Architekt Erwin Rudolf Heman am Grundriss des Dessauer Arbeitsamts, welches von niemand geringerem als Walter Gropius selbst kurz zuvor gebaut wurde und ein Schlüsselwerk der funktionalistischen Architektur der frühen Moderne darstellt. Das Kantonale Arbeitsamt zeigt den Versuch, Neues Bauen in eine historische Umgebung einzufügen. Der streng geometrische Grundriss steht daher in Kontrast zur Loggia und den dekorativen Elementen in der Beletage.

5 Stiftungssitz Habitat, Kräuchi Architekten, 2013 – 2017, Rheingasse 31

Wer ein Vorhaben wie den Jazz Campus unterstützt, wird wohl auch in den eigenen Räumlichkeiten eine entsprechende Architektur vorweisen können. Dies trifft jedenfalls auf den Sitz der Stiftung Habitat zu. Auch hier begegnet man einem Gebäudekomplex, der viele Geschichten zu erzählen hat. Als klösterlicher Stadthof, als Ziegelei, als Färberei aber auch als Wohnraum diente das Gebäudeensemble bereits. Seit 2017 befinden sich nun die Büro- und Atelierräumlichkeiten der Stiftung Habitat in den denkmalgeschützten Räumen. Auch hier führte eine sorgfältige Restauration zu einem harmonischen Miteinander von historischen und modernen Elementen. Der Spagat zwischen Kultur- und Denkmalschutz sowie der praktischen Nutzung scheint gelungen.


6 Hotel Krafft, Ferdinand Iselin, 1872, Rheingasse 12

Fast gegenüber befindet sich das sechste Architekturbijou des Spaziergangs. Seit 1872 übernachtet man im Hotel Krafft mit hohem Niveau und einzigartiger Rheinsicht. Als Ernst Krafft anstelle von drei mittelalterlichen Handwerkerhäusern das vierstöckige Hotel Krafft bauen liess, war die Rheingasse eine wichtige Verkehrsachse und beherbergte diverse Gasthöfe und Tavernen. Der Bauherr wusste um die einzigartige Lage, an der er das klassizistische Gebäude mit neubarocken Details entstehen liess und schuf mit dem Hotel einen besonderen Akzent in der Altstadtbebauung. Nicht nur das lokale, sondern auch das internationale Publikum fand an diesem schönen Bau mit den grosszügigen Fenstern und Rundbogen, die einen einzigartigen Blick auf Basel zulassen, grossen Gefallen. Wirft man einen Blick ins Gästebuch, ist beispielsweise auch der Name Hermann Hesses, der im Zimmer 49, heute die Nummer 401, an seinem Steppenwolf schrieb, zu finden. Das Hotel sowie die gegenüberliegende Dépendence mit der heutigen Consum Bar wurde stets zeitgemäss ausgebaut ohne dabei den ursprünglichen Charme und dessen Nostalgie zu verlieren. So auch im Jahre 2005, als die Zimmer vollumfänglich saniert wurden. Klassisches und zeitgenössisches Design gehen nun Hand in Hand und tragen zu dem individuellen Charakter bei, der schon Ernst Krafft vor 150 Jahren formte.


So ist dies nach einem Spaziergang auch der ideale Ort, um bei einem kühlen Getränk in der Consum Bar das lebendige Treiben in der Rheingasse zu beobachten.


In dieser Beitragsserie lädt Claire Flury zu Architekturspaziergängen in den verschiedenen Quartieren Basels ein.

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