• Max Kaufmann

Bei der Selbstfindung vergammelt

Die Selbstisolation «heile» uns, hiess es in einem Post, der mir während den letzten Wochen mehrmals auf Instagram begegnete. Wir würden zu uns selber finden, kreativen Ideen nachgehen, für die nun endlich Zeit bleibt, und uns dann im Spätsommer lebensfreudig um den Hals fallen. Falls man das bis dann wieder darf. Wenn während dieser Krise, wie auch in diesem Post, von «uns» gesprochen wird, ist immer nur ein kleines, privilegiertes Grüppchen gemeint. Puzzles und Live-Yoga-Sessions sind nicht die Realität aller – das ist wohl den meisten bewusst.


Illustration: Pia Zibulski


Dass wir, wie es der Post prophezeit, durch unsere Balkon-Apéros, Skype-Dates und Netflix-Nachmittage zu besseren Menschen werden, bezweifle ich. Es lässt sich soweit ganz gut aushalten, aber auch ich werde gezeichnet aus dem Ganzen hervorgehen: mit einer Abneigung gegen Videochats, auch wenn ich dank dieser mit der unvorteilhaften Untersicht auf Kinn und Hals Frieden geschlossen habe, und einer Überdosis an Instagram-Challenges. Ich möchte für den Rest des Jahres kein einziges Kinderbild mehr sehen. Wobei die Kinderbild-Challenge im Vergleich zur #gameface-Challenge noch harmlos ist. Diese besteht darin, dass sportlich aktive User*innen ihren angeblich unvorteilhaften Gesichtsausdruck während des Spiels posten. Ich hege aber den Verdacht, dass es diese Challenge nur gibt, um allen, die gerade eher zu Hause vergammeln, ein schlechtes Gewissen zu bereiten.


Zugegebenermassen bietet sich diese Zeit für sportliche Aktivität an. Die Aufforderung meines Sportlehrers an die Klasse, während dieser Zeit unseren Körper zu definieren, wurde aber leicht missverstanden. In der nächsten Videolektion pfiff er uns zurück: Wir sollten bitte nicht durchtrainiert wie Schwarzenegger aus der Isolation zurückkommen. Das war auch nicht mein Ziel, ehrlich gesagt. Wir haben immerhin, wegen der langen Bildschirmzeiten, Übungen erhalten, mit denen die Augenmuskulatur trainiert werden kann. Das ist eher ein Workout nach meinem Geschmack. 


Was hingegen im eingangs zitierten Post mit «sich selber finden» genau gemeint ist, habe ich bis jetzt nicht ganz verstanden. Ich nehme an, dass es damit zusammenhängt, sich auf sich selbst zu konzentrieren. Im Moment passiert gerade das Gegenteil: Wenn so wenig läuft, bekommt Kleines und Banales in der Nachbarschaft unverhältnismässig viel Aufmerksamkeit. Da werden zurzeit alle schon neugierig, wenn du vom Joggen nach Hause kommst. Was, die schmeissen jetzt Ende März schon den Grill an? Nichts mit auf sich selbst zurückgeworfen sein. Von sich selbst haben alle nach drei Wochen bereits genug.


So wird auch die Baustelle hinter dem Haus, deren Lärm sonst beim Lernen stört, zur willkommenen Unterhaltung. Dasselbe im Supermarkt. Da bekomme ich gerade Lust mit anzupacken, die halb leeren Regale aufzufüllen. Und merke erst zuhause, dass es zurzeit kein Spass ist zu arbeiten, während ich nach dem Auspressen von zwei Orangen das Gefühl habe, für heute genug gemacht zu haben. 



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