• Hanna Girard

«Warum wir das machen? Weil es reicht!»

Seit Oktober 2020 tauchen sie überall in Basel auf: Unangenehme Situationen, aufgeschrieben mit bunter Kreide auf der Strasse. Darunter übergriffige Anmachsprüche, Alltagssituationen, die in Belästigungen gipfeln, sexuelle Übergriffe. Hinter den Kreidesprüchen stehen neben zahlreichen Mithelfer*innen Sina* und Marina*. Die beiden jungen Aktivistinnen sind beide seit kurzem volljährig, besuchen in Basel das Gymnasium und wollen etwas verändern. Hanna von Viral. hat Marina und Sina auf ein Gespräch getroffen.

© Pia Zibulski

Sina, Marina, seit ein paar Monaten schreibt ihr mit Kreide Erlebnisse junger Frauen auf Teerboden. Dabei handelt es sich um sexuelle Belästigungen oder unangenehme Situationen, die jungen Frauen widerfahren sind. Warum tut ihr das?


Marina: Weil es mir reicht. Ich finde, dass es nicht sein kann, dass beinahe jede junge Frau von übergriffigen Situationen und sexuellen Belästigungen, die im Alltag passieren, erzählen kann. Mir war schon länger klar, dass ich darauf aufmerksam machen will. Als ich eine Reportage über „Catcalls of München“ im Fernsehen sah, startete ich mit Sina dasselbe Projekt in Basel. Seit da schreiben wir solche Situationen dort auf den Boden, wo sie passiert sind.



© Catcalls of Basel

Catcalling bezeichnet Belästigung durch Fremde im öffentlichen Raum. Häufig geschieht dies in Form von unerwünschten Äußerungen gegenüber Personen, die als Objekt der Begierde wahrgenommen werden. Begleitet werden solche „catcalls“ von provokativen Gesten, Hupen, Pfiffen, unsittlichen Entblössungen, hartnäckigen sexuellen Annäherungsversuchen und Berührungen.“




Wo liegt für euch beide die Grenze zwischen Kompliment und Belästigung?


Sina: Für mich endet ein Kompliment an dem Punkt, wo es unangenehm wird. Sobald ein Kommentar unangebracht ist oder nicht zur Situation passt, ist es für mich Belästigung. Wenn du beispielsweise zu mir sagst: „Oh Sina, diese Jacke steht dir gut!“, dann freue ich mich über das Kompliment. Wenn du mir hinterher rufst: „Mit dieser Jacke sieht dein Arsch so geil aus, dich würde ich gleich knallen“, dann ist das für mich Belästigung. Der Grat zwischen Kompliment und Belästigung ist oft sehr schmal, aber wenn man sich dabei unwohl fühlt, dann ist ein Kommentar unangebracht.


Die Situationen, die ihr auf der Strasse mit Kreide aufschreibt, sind jungen Frauen in Basel widerfahren. Sie senden euch ihre Erlebnisse über euren Instagramkanal „Catcalls of Basel“ zu. Zum Teil sind die echt heftig. Da erzählt beispielsweise eine junge Frau von einem älteren Mann, der sie dazu drängt, mit ihr spät nachts in der Bahnhofstoilette ein Baby zu zeugen. Wie sehr belasten euch diese Schilderungen, die euch zugeschickt werden?


Sina: Mich treffen sie stark. Es ist traurig zu lesen, dass vor allem die ganz jungen Frauen solche Dinge erleben. Die meisten, die sich bei uns melden sind zwischen 14 und 16 Jahre alt. Beim Lesen der Nachrichten bin ich oft einfach perplex, dass es Männer gibt, die so mit jungen Frauen umgehen. Darum muss ich ab und zu eine Auszeit nehmen und die Betreuung des Instagramkanals für ein paar Tage abgeben.


Marina: Manchmal werde ich richtig wütend, wenn ich solche Nachrichten lese. Oft kann ich gar nicht glauben, was hier in Basel alles geschieht.



© Hanna Girard

Welcher der zahlreichen Catcalls, die euch zugeschickt wurden, hat euch am meisten beschäftigt?


Sina: Eine junge Frau schilderte uns in einer Nachricht, dass ihr ein Mann auf der Strasse laut hinterherrief: „Obwohl du so fett bist: Ich würde dich jetzt gleich am liebsten ficken.“ Diese Aussage hat mich echt lange beschäftigt. Ich war schockiert, wie gemein und deplatziert sich manche Leute äussern.



Marina: Ich habe an den genau gleichen Catcall gedacht! Aber da sind natürlich noch viele mehr. Viele junge Frauen erzählen auch davon, wie Männer ihnen in der Dunkelheit eines Clubs einfach zwischen die Beine gegriffen haben. So etwas darf einfach nicht passieren!


Ihr malt die Sprüche mitten am Tag auf die Strasse, jeweils dort, wo der Übergriff passiert ist. Wie reagieren die Leute da auf euch?


Sina: Es gibt viele, die sehr negativ reagieren. Beim Aufmalen in den Strassen kommt es immer wieder zu seltsamen Momenten. „Die Frauen von heute sind einfach viel zu sensibel geworden“, hören wir oft. Vor allem von Männern. Als ich die Situation niederschrieb, wo der ältere Mann die junge Frau dazu drängte, ein Kind auf dem Bahnhofs-WC zu zeugen, da schaute mir ein Mann dabei zu, schüttelte den Kopf und kommentierte: „Also wenn ihr nicht mal mehr das wollt, dann seid ihr bald alleine.“


Marina: Es gibt aber auch viele älteren Frauen, die stark auf unseren Aktivismus reagieren. Da kommt es häufig zu Diskussionen. Aber wir hatten auch schon konstruktive Gespräche mit jungen Männern, die uns gerne zugehört haben und ihr Handeln dann auch reflektierten. Das war schön.



© Catcalls of Basel

Ihr publiziert die Übergriffe nicht nur im öffentlichen Raum, sondern auch auf eurem Intagramkanal „Catcalls of Basel“. Melden sich da vor allem Bekannte oder auch wildfremde junge Frauen?


Sina: Es gibt einzelne, die wir kennen. Aber mittlerweile melden sich auch Leute bei uns, die nicht zu unserem Freundeskreis gehören. In den letzten Wochen hat das immer grössere Kreise gezogen.




Ihr beide seid seit kurzem volljährig. Wie ist das für euch, wenn ihr in so jungem Alter auf so unangenehme Probleme aufmerksam machen müsst? Macht euch das nicht wütend?


Marina: Wütend bin ich nicht. Aber ich frage mich schon: Warum muss ich das machen? Wieso diskutiert man sexuelle Belästigung gegenüber jungen Frauen im öffentlichen Raum nicht schon länger? Warum wurde das so lange totgeschwiegen? Und vor allem: Warum ändert sich so wenig?


Sina: Ich bin eher genervt davon. Wir beide gehören ja auch schon zu der Generation, die sich für die Klimagerechtigkeit stark macht. Fridays for future und so. Wir kämpfen für so vieles, was die Generationen vor uns einfach ignoriert haben. Das nervt schon, dass wir jetzt die sind, die in so vielen Bereichen aufräumen müssen.



© Catcalls of Basel

Wenn wir es gerade von Generationen haben: Wie gross ist das Verständnis eurer Familien oder auch eurer Mütter für euer Projekt „Catcalls of Basel“?


Sina: Lustig, dass du das fragst. Ich hatte es tatsächlich erst kürzlich mit meiner Mutter davon. Ich habe sie gefragt, ob sie solche Situationen kennt und wie sie damit umgeht. Auch sie erzählte von zahlreichen unangenehmen Erlebnissen, die ihr widerfahren sind und meinte dann aber, sie hätte sie meistens ignoriert.

Aber genau das ist das grosse Problem:

Viele Frauen haben einfach „gelernt“ damit zu

leben. Etwas, was eigentlich nicht so sein sollte.


Marina: Mein Vater und ich hatten auch schon Diskussionen darüber. Wir stehen da an verschiedenen Punkten. Und das zehrt manchmal schon an meinen Kräften, wenn nicht mal mein engstes Umfeld versteht, was an den Catcalls so schlimm ist.


Was wünscht ihr euch für eure Töchter? In welcher Welt wollt ihr, dass sie gross werden?


Marina: Mein Ziel ist es, dass jede junge Frau so durch die Welt gehen kann, wie sie will und sich genau so wenige Sorgen machen muss wie ein junger Mann. Eine Frau sollte mit Selbstbewusstsein und ohne Angst durch die Strasse gehen können, ohne überlegen zu müssen, ob sie sich richtig verhält oder die richtigen Klamotten anhat.


Sina: Ja, das wünsche ich mir auch. Ich möchte, dass junge Frauen sich nicht mehr mit solchen Situationen herumschlagen müssen.





*Marina und Sina heissen eigentlich anders. Sie wollen aber, dass ihr Projekt und nicht ihre Persönlichkeit in der Öffentlichkeit steht.

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