• Claire Flury

Ein Architekturmekka aus heiterem Himmel

Während sich die meisten Menschen auf den Strassen Disentis in voller Skimontur zur Gondelbahn und Apréski aufmachen, sich in vollgepackten VW-Familiebussen die enge Dorfstrasse entlangschlängeln oder auf den Anschlusszug der Matterhorn-Gotthard-Bahn warten, machen wir uns auf den Weg zu einem ganz anderen Gipfel. Denn über der Gemeinde Disentis, die ganz im Westen des Graubündens, in der Surselva, liegt, thront ein grosser Gebäudekomplex. Hierbei handelt es sich jedoch nicht um eine klotzige Hotelanlage aus den 70er Jahren, sondern um ein 1406 Jahre altes Benediktinerkloster, das alles andere als in die Jahre gekommen ist.



© Claire Flury

Nach vielen baulichen Höhen und Tiefen umfasst das Kloster heute einen Barockbau mit zwei Kirchen, ein Gymnasium, ein Jungen- sowie Mädcheninternat, ein Landwirtschaftsbetrieb sowie eine kleine Kapelle. Stets bemüht, dem Zeitgeist zu entsprechen und ein Mehrwert für das Dorf und die Region darzustellen, bildet die Anlage ein wichtiges geistliches sowie geistiges Zentrum.

Denn seit Januar 2017 kann man auch als weltliche Person im renovierten Barockteil des Klosters übernachten und als Oblat*in am Klosterleben teilnehmen. Dies lohnt sich vor allem für Architektur- und Designliebhaber*innen, sind die Zimmer doch hochwertig ausgestattet und bietet das Gelände ausgezeichnete Gebäude von renommierten Schweizer Architekten.




Wir steigen also voller Vorfreude die steilen Stufen der Anlage hinauf, um diesen geschichtsträchtigen Ort zu erleben und ein paar Tage mit «Ora et Labora», respektive «Ede et Dormi» in unserem Fall, zu verbringen.




Eine massive Pforte erwartet uns auf dem neugestalteten Klosterplatz. Bereits hier bietet sich uns ein imposanter Ausblick über das Dorf und die Berge. Drückt man nun die schwere Tür auf, erstreckt sich ein langer Gang mit Kreuzgewölbe, der zu den weiteren Bereichen des Klosters führt. Nach einem überaus freundlichen Check-In bei Bruder Urs im Klostershop machen wir uns also mit den «Schlüsseln Petri» zu unserem himmlischen Schlafgemach auf.

Im vierten Stock eröffnet sich hinter Tür Nr. 402 zwar nicht das Paradies, jedoch ein überaus stilvoll eingerichtetes Refugium, welches uns in den nächsten paar Tagen als Nest dienen wird. Im Gegensatz zu den eher kühlen Steinböden und weitläufigen Räumen der Klosteranlage besticht das einladende Zimmer durch Details aus warmen, hochwertigen Materialien wie Fichtenholz und Leinen. Auch Schweizer Designklassiker wie Stühle von horgenglarus laden zum Verweilen ein. Nicht nur durch das Zimmer selbst, sondern auch durch das vielfältige Angebot innerhalb des Klosters, ist man versucht, die Pforte bis zur Abreise nicht mehr zu durchschreiten.




Das kleine aber feine Frühstück, welches bei jeder Übernachtung inbegriffen ist, begeistert dank Käse und Joghurt aus der hauseigenen Sennerei. Zudem wird das Brot frisch vor Ort in der Klosterbäckerei hergestellt. Für das leibliche Wohl wird in der Pilgerstube "Stiva Sogn Placi", ebenfalls neu eröffnet, bis um 17:00 Uhr gesorgt. Auch hier bietet sich ein warmes, einladendes Ambiente in dem ein hauseigenes Klosterbier genossen werden kann.

Gleich hinter der Pilgerstube befindet sich das Tor zum Herzstück der Anlage: Der barocken Klosterkirche St. Martin. Diese wurde im Jahr 2019 nach umfassender Renovation fertiggestellt und erstrahlt nun in neuem, alten Glanz. Jünger*innen des barocken Baustils kommen also auch hier auf ihre Kosten.



Doch im Laufe der Jahre sammelte sich nebst dem Kern der Anlage auch ein Potpourri an moderner und zeitgenössischer Architektur. Besucht man nämlich das Gymnasium, welches fliessend in den Internatstrakt des Barockbaus übergeht, ergibt sich ein radikales Gegenstück zum prunkvollen Hauptbau.

Das Gymnasium Disentis, welches in den Jahren 1969-73 von Hermann Baur, der im Übrigen auch die Schule für Gestaltung Basel plante, gestaltet wurde, ist ein durch und durch brutalistisches Gebäude und provoziert damit eine klare Zäsur zum Barockbau. Trotz oder gerade auf Grund dieser Unterschiede fügt sich das Gebäude mit seinem Sichtbeton und den klaren Kanten harmonisch in die Topgrafie ein und ist ein weiterer architektonischer Blickfang.


Lässt man den Blick nun nach unten ins Tal schweifen, erkennt man in unmittelbarer Nähe, an der alten Dorfstrasse ruhend, ein weiteres aussergewöhnliches Haus. Hierbei handelt es sich um das Mädchenwohnhaus des Internats, welches von 2001-04 vom Bündner Architekten Gion A. Caminada gebaut wurde. Das Unterhaus nimmt sich zurück und fällt trotzdem durch seine klare Geometrie in seiner Fassadengestaltung auf. Man glaubt gerne, dass sich hinter seinen Mauern ein lebhaftes Internatsleben abspielt, wo sowohl Rückzug als auch Begegnung möglich sind.

Weitere Gebäude, die von Caminada im Rahmen des Klosters gestaltet wurden, sind die Sennerei und der zum Landwirtschaftsbetrieb zugehörige Stall.



Wer nun doch einmal den Drang verspürt, die Klosteranlage zu verlassen, findet möglicherweise oberhalb der Dorfes Sumvitg seine Erleuchtung. Als 1984 eine Lawine die bestehende Kapelle zerstörte, wurde von Peter Zumthor ein neues Gotteshaus erbaut. Die «Caplutta Sogn Benedetg» stellt somit einen weiteren Pilgerort für Architekturfans dar.


Der dreitägige Aufenthalt in dieser besonderen Atmosphäre entpuppte sich für uns überraschend vielseitig. Eine einzigartige Umgebung schafft der Kontrast zwischen historischen Relikten und den baulichen Interpretationen der Moderne. Ganz im Sinne des Mönchtum bildet das Kloster eine Kulisse aus Ruhe und Zufriedenheit. Denn egal ob Glaube oder Architektur – Eine Inspirationsquelle ist das Kloster Disentis auf jeden Fall.


Weitere Informationen via https://www.kloster-disentis.ch


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