• Gastbeitrag

Saharastaub – Worte zur Lage des Himmels

Jährlich werden Millionen Tonnen Saharastaub über den Atlantik bis zum Amazonas geweht. Dort setzt er sich im feuchten Boden fest und befruchtet die Erde. Aus einem Gebiet, in dem alles Lebendige von Natur aus dem Tod geweiht ist, wird die Essenz dieses Todes vom Wind in eine andere Landschaft versetzt, wo sie lebenserzeugend wirkt. Schlingpflanzen, Bäume und Pilze werden zur Heimat von Tieren, bieten Schatten und Schutz, verfallen und werden vom Sandstaub erneut zum Wachstum gedrängt. Fällt ein Same in die Sahara wird er zu Staub, fällt er auf die feinste Einheit dieses Staubes, auf die andere Ozeanseite, wird er zu Leben.


Fotos: Hanna Girard (1–3), anonym (4)

Die Sonne als weissmatte Scheibe. Ein Kreis im grauroten Dunst. Der Himmel eine vergilbte Grundierung, undurchlässig und doch vibrierend. Billionen von Staubteilchen der afrikanischen Wüste haben die kleine, mitteleuropäische Stadt überdeckt. Schützen das Auge vor Blau und blendendem Feuerlicht. Der direkte Blick ist gewährt. Die Sonne erscheint nun als Symbol. Die innere Landschaft wird zur horizontlosen Wüstenfantasie. Durstig sitzen die Menschen an ihren Feuerstellen. Lassen die Zeit hängen, lassen die Füsse durch den Tag schlendern. Die Möwen reisen mit durch das Grau. Schwäne werden von Kindern gefüttert.

Gespräch über die Apokalypse am Fluss. Bewusstsein, das sich über Bewusstsein bewusst werden will. Zellen, die sich selber verstehen wollen. Neurologisch können wir es nicht beantworten. Die Katastrophe ist eine der schönsten Fantasien. Wieso fliegt der Sand gerade heute bis zu uns? Dinge entstehen nicht einfach so. Wir können mit der Sprache genauso alles sagen wie durch einen Kuss. Verstehen können wir es nicht. Wir können uns nur verschieben lassen wie eine Wüste.

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