• Max Kaufmann

«Umarmsch?»

Jetzt wo sich Apple-Music-Abonnent*innen auch wieder auf Instagram getrauen, weil «Spotify-Wrapped»-Stories vorbei sind, wage ich auch einen Jahresrückblick. Wenn ich auf das zu Ende gehende Jahr zurückblicke, dann war das ein ständiges Auf und Ab. Dabei ist mir etwas aufgefallen: Noch nie habe ich es erlebt, dass so viel über die richtige Begrüssung nachgedacht wurde wie in den letzten Monaten.


Bis weit in den Frühling war es ungewohnt, mit Leuten Körperkontakt zu haben, die nicht in den gleichen vier Wänden wohnen. Anfang Sommer war es immer noch eine Selbstverständlichkeit bei der Begrüssung «Umarmsch?» zu fragen. Meist wurde dann ebenso selbstverständlich bejaht. Anfang Herbst auch noch; gerade am Wochenende inmitten einer Menschenmenge hätte sich alles andere komisch angefühlt.


Illustration: Pia Zibulski


In den letzten Wochen schlich sich aber wieder die Erkenntnis ein, dass das Sich-in-die-Arme-Fallen, auf das sich viele schon seit der ersten Welle gefreut hatten, vielleicht doch nicht andauern wird. Und jetzt vor Weihnachten der Horror. Neben der miserablen, ermüdenden Lage, aus der wir eigentlich ziemlich einfach rauskommen könnten, stehen Familienfeste an und das heisst: ganz viele Begrüssungen.

Es wäre ja schön, sich wiederzusehen. Hoffentlich in einem Rahmen, den die aktuelle Situation erlaubt. Aber selbst ohne Pandemie wäre es schwierig genug. Während diesem Jahr kamen die grossen Fragen auf, die sich letztes Jahr noch nicht gestellt hatten: Wie begrüsst man die Eltern oder Grosseltern des*der Freund*in? Das kann man vor einem Familienfest stundenlang zu zweit besprechen, am Schluss scheitert es trotzdem an Grossmüttern, die vor lauter Freude alle umarmen oder Vätern, die aus Gewohnheit die Hand hinstrecken. Vor einem Jahr war das noch einfacher: Zunicken und hinter der Maske hervorblinzeln, mehr brauchte es nicht.

Aber auch abgesehen von den – je nach Lage vielleicht auch nicht – drohenden oder mit Vorfreude erwarteten Familienfesten: 2021 hat einiges über Begrüssungen gezeigt. Die einen wollen nie mehr zum Händeschütteln zurück, das könne man sich sparen. Andere, und da gehöre ich auch dazu, sind einfach nur froh, wenn cringy Begrüssungsformen wie der «Ellbogen-Handschlag» der Vergangenheit angehören.

Einen Vorteil hatte das Ganze: Endlich waren Begrüssungen für einmal nicht unangenehm gegendert. Es zog sich kein Graben zwischen jenen Freundschaftsgruppen hindurch, in denen sich auch Männer umarmen (ohne sich auf den Rücken zu klopfen vielleicht sogar), und jenen, in denen das nicht geschieht. Ein «Tschüss in die Runde», das in den meisten Fällen sowieso von der Hälfte überhört wird, behandelt alle gleich. Das könnten wir am besten beibehalten.

Aber natürlich auch nichts gegen Umarmungen im neuen Jahr. Deshalb wird es vermutlich auch 2022 noch heissen: «Umarmsch?»



logo.png