• Gastbeitrag

Ein Tagebuch aus der Selbst-Quarantäne

Auf Instagram und Facebook haben wir euch aufgefordert, uns eure kreativen Arbeiten aus der Quarantäne zu schicken. Alexandra Büchi ist eine von denjenigen, die nun einen Einblick geben. Sie ist 24 Jahre alt und Mitgründerin des Zentrums für kritisches Denken. Sie studiert Wirtschaft und sammelt in ihrem WG-Zimmer in Zürich Trockenblumen. Seit dem 15. März bleibt Alexandra in selbst auferlegter Quarantäne zu Hause. Easy ist das nicht. In ihrem Tagebuch schreibt sie über ihre Gefühle, virtuelle Kaffee-Dates und den Alltag in der Corona-Krise. Achzehn Tage lang schreibt sie hier für dich einen neuen Tagebucheintrag. Weitere Gedankengänge findest du bei ihr auf Instagram.


01.04.2020 // Tag achtzehn in Quarantäne

© Alexandra Büchi

16:04 Uhr

Bleib drinnen. Es geht um Menschenleben. Ich weiss nicht wie das funktioniert. Kämpfe werden auf der Strasse ausgetragen. Ich will auf eine Demo gegen die Krise. Ich will Parolen schreien und Gänsehaut kriegen. Ich will mit fremden Menschen durch die Stadt laufen und ihnen zunicken, weil wir alle für dasselbe einstehen. Ich will was machen! Ich will schreien und laufen und kämpfen gegen diese Situation. Alles was ich mache ist herumsitzen und so tun als wäre nichts. Es ist ein stiller Kampf, den ich nicht spüren kann. Die Situation muss ausgesessen werden. Beweg dich nicht, während sich alles um dich dreht. Wir wollen uns lebendig fühlen und das System anschreien, das uns alle verarscht. Aber wir müssen zu Hause bleiben und das System entlasten. Wir sind jung und dumm und privilegiert und verstehen nicht was alles auf dem Spiel steht. Unsere Grosseltern mussten in den Krieg und wir müssen aufs Sofa.



© Alexandra Büchi



17:00 Uhr

Das ist ein Liebesbrief an Anais: Mein Zimmer ist schön sonnendurchflutet aber am sonnigsten gehts mir mit dir. Bitte pass gut auf meine Zimmerpflanzen auf, ich bin bald wieder da.






















31.3.2020 // Tag siebzehn in Quarantäne

© Alexandra Büchi

14:04 Uhr

Heute bin ich schlecht gelaunt. Und zwar so richtig. Ich würde am liebsten den ganzen Tag in meinem Bett liegen und schlecht gelaunt sein. Wirklich einen Grund dafür habe ich nicht, aber es braucht auch nicht immer einen Grund für schlechte Laune. Ich habe trotzdem gearbeitet, Mittagessen gekocht, die Küche geputzt und die Sonne auf meinem Gesicht genossen. Heute mache ich das alles halt mit schlechter Laune. Manche Tage sind besser, manche Tage sind blöder. Und die ganz blöden Tage müssen auch mal genossen werden. «Ich knarze wie ein altes Haus.» sagt Anais. Genau so fühle ich mich heute. Wie ein ganz altes Haus aus knarzigem Eichenholz. Wenn auf eine falsche Diele getreten wird, zittert und stöhnt der ganze Bau.







© Alexandra Büchi

19:04 Uhr

Jede Woche setze ich mich hin und packe mich aus. Ich verteile mich selbst um mich herum und schaue, welche Teile wo gut hinpassen. Ich arrangiere neu und entdecke alte Muster. Ein Muster ist, dass ich, sobald mir ein Mensch zu nahe kommt, aufhöre ich selbst zu sein. Das Zwischenmenschliche ist mein Endgegner. Plötzlich weiss ich nichts mehr, fange an alles an mir zu hinterfragen. Mein ganzer Wert bestimmst jetzt du. Ich bin durstig nach deiner Bestätigung. «Was wollen Sie den hören?», fragt meine Therapeutin. Das habe ich mir noch nie überlegt. «Du bist schön und ich finde es schön wie du denkst.», sagt mein Kopf. Ich schreibe das auf und hänge es neben meinen Spiegel.










30.3.2020 // Tag sechzehn in Quarantäne


© Alexandra Büchi

08:49 Uhr

Ich habe von meiner Mutter geträumt. Sie schrie mich an: «WIR HABEN NUR NOCH 90 ROLLEN TOILETTENPAPIER! DAS REICHT NUR NOCH 2 MONATE! JETZT FANG DOCH ENDLICH AN DEINE HÄNDE RICHTIG ZU WASCHEN!» Ich heisse die Corona Krise offiziell herzlich Willkommen in meinem Unterbewusstsein. Das Internet sagt 90 Rollen reichen viel länger als zwei Monate aber es sagt nicht was danach kommt.

10:02 Uhr

Meine neue Therapeutin sagt immer noch «Jaaaaaa genaaaau» nach allem was ich sage. Ich erzähle ihr vom Durcheinander in mir und wie ich merke in alte Muster zu rutschen, mich Abhängig zu machen, verloren zu gehen, meinen Wert zu hinterfragen. Sie sagt: «Das ist jetzt eine steile Hypothese, aber: Was, wenn dieses Mal alles anders ist?». Ich mag steile Hypothesen und ich mag meine neue Therapeutin.



© Alexandra Büchi


12:12 Uhr

Online Vorlesungen sind immer noch genauso schlimm wie letzte Woche. Heute wollte ein Dozent, dass wir unsere Kameras einschalten. Hinter mir an der Wand hängt das Bild einer selbstgemalten Vulva. Kamera an. Alles wie immer: Dozent fragt was, keiner sagt was.


13:05 Uhr

In der Küche reden wir über die Zeitumstellung. Keine weiss, wann die genau war und in welche Richtung. Es gibt keine Uhren in unserer Wohnung die nachgestellt werden müssen, denn es gehen sowieso alle falsch. Alle Macht den Geräten- ohne mein Smartphone bin ich nichts.







29.3.2020 // Tag fünfzehn in Quarantäne

© Alexandra Büchi

11:13 Uhr

«Ich lebe jetzt schon viel zu lange in diesem Science Fiction Film», sagt Anais beim Frühstück. Wir spinnen Luftschlösser um zwischenmenschliche Gruselmärchen und machen Witze über den Weltuntergang. Ein klassischer Sonntagmorgen in Quarantäne. Im Hintergrund läuft leise «Sweet Nothing» und wir machen nochmal Toast.

16:05 Uhr

Ich mache ein YouTube-Workout. Im Video hüpfen bunt gekleidete, normschöne Frauen in einem Gymnastikraum rum. Haare offen, kein Tropfen Schweiss. Das Geile daran: Es juckt mich nicht. Ich sehe meine Reflektion im Spiegel und hüpfe schmunzelnd weiter. Vieles wackelt, nichts ist straff. Das Geile daran: Es juckt mich nicht. Heute hasse ich meinen Körper nicht und das ist eine Revolution. Es ist ein guter Tag.



© Alexandra Büchi

22:24 Uhr

Sachen die mir heute durch den Kopf gegangen sind: Wo fange ich an, wo hört die Welt auf? Der blinde Punkt verschiebt sich. Plötzlich sind wir alle blind für das Leid dieser Welt und sehen nur noch uns. Verschiebung des Fokus in Richtung falsch. Ich klebe nicht mehr auf News-Seiten, sondern wieder an deinen Lippen. Camus schrieb: «Sie haben auch noch nie einen Krebskranken an einem Autounfall sterben sehen, oder?»

Corona fegt durch mein Leben und lässt nur Tatsachen zurück, die Wind und Wetterfest sind. Ich kann mich entweder darauf konzentrieren zu lieben oder geliebt zu werden. Das eine kann ich beeinflussen, das andere nicht.












28.3.2020 // Tag vierzehn in Quarantäne

© Alexandra Büchi

09:34 Uhr

Ich wollte heute lange schlafen, wache zu früh auf und bin zu wach um wieder damit aufzuhören. Neben mit im Bett liegt das Bedürfnis gehalten zu werden. Ich will, das sich jemand an mich schmiegt und ich mich an jemanden schmiegen kann. Ich vermisse es, meine Freunde fest in den Arm zu nehmen. Ich vermisse Blickkontakt im Tram mit fremden Menschen. Ich vermisse den Moment bei einem Date, wenn das erste Mal eine Hand bewusst meinen Arm berührt. Ich vermisse Händeschütteln und High Fives. Ich vermisse viel zu volle Konzerthallen. Ich habe einen Oxytocin Defizit und es nervt. Ich höre eine Playlist die Dreamy Days heisst und umarme mich selbst. Es ist nicht das gleiche aber ganz ok für den Anfang.

16:36 Uhr

Anais und ich gehen auf dem Friedhof spazieren. Es riecht nach Frühling und die Sonne scheint uns warm in die Gesichter. Wir laufen die vielen kleinen Wege ab und sind überrascht, wie normal sich das Aus-dem-Weg-gehen bereits anfühlt.


Wir laufen durch schattige Alleen und an blühenden Wiesen vorbei. Dann entdecke ich die beiden. Er sitzt an einen Baum gelehnt, Bier in der Hand, Sonnenbrille, neben ihm ein Fahrrad. Sie sitzt auf ihrer Jacke im halbhohen Gras, Bier in der Hand, Sonnenbrille, hinter ihr ein Fahrrad. Sie lachen sich an, scheinen sich gut zu unterhalten. Zwischen ihnen: zwei Meter Abstand und ziemlich viel Chemie.

© Alexandra Büchi

22:48 Uhr

Ich trinke Prosecco und telefoniere mit S. Wir reden über die kleinen Krisen und es tut gut auch diesen mal Raum zum atmen zu geben. Meine kleinen Krisen atmen ein, S. lacht laut auf. Es gibt eine Theorie, die besagt, dass wir uns alle Herausforderungen im Leben selbst ausgedacht haben. Irgendwo schreibe ich gerade meine eigene Geschichte und lache mir ins Fäustchen. Anders kann ich es mir nicht vorstellen, das kann sich ausser mir niemand ausgedacht haben. Nichts in meinem Leben ist vorhersehbar, nur die Dramatik kommt immer pünktlich. «Ich glaube du bist einfach eine Gewöhnungssache» sagt S. Ja vielleicht bin ich das, und das Leben ist noch in der Angewöhnungsphase.








27.3.2020 // Tag dreizehn in Quarantäne


© Alexandra Büchi

11:35 Uhr

Ich brauche Balance. Es darf von allem viel sein, aber dann wenigstens zu gleichen Teilen. Erst drei Tage weinen und dann vier Tage nicht weinen, das ist ok. Nächtelang wach liegen und dann einmal den ganzen Tag verschlafen. Ab und zu streiten und den Rest der Zeit harmonisch zusammenleben: das geht. Jetzt herrscht plötzlich Schieflage. Corona pulverisiert die Balance und sie rinnt durch meine Finger. Ich mache Yoga aber das Gleichgewicht will nicht. Ich schwanke beim laufen und vieles dreht sich.

19:00 Uhr

Ich binde eine Schürze um und backe mir eine Krise. Kuchenboden aus einem Teil fragilem Finanzsystem und zwei Teilen Spätkapitalismus. Wenn er zu trocken wird, kann mit einer Prise Ignoranz nachgeholfen werden. Es folgt eine Schicht zwischenmenschliches Durcheinander und schmerzhaftes Infrage-stellen von allem. Als nächstes muss die Psyche so lange aufschlagen werde, bis sie schön schaumig ist.



Gleichmässig können dann Panikattacken am Telefon, Nervenzusammenbrüche in Küchen und Weinkrämpfe im Badezimmern verteilt werden. Weiter gehts mit Existenzängsten und einer Zukunft, die nicht mehr existiert. Die letzte Schicht ist Unsicherheit und Angst, über die konsequent nicht gesprochen wird. Die Kirsche wird durch einen Hauch Solidarität und Missverständnis ersetzt. Noch ein bisschen Puderzucker und dann das ganze Prachtexemplar aus dem Fenster werfen. Krise auf der Strasse, Tagesziel erreicht.

© Alexandra Büchi

22:05 Uhr

Mein Telefon klingelt, ein Mensch ist gestorben. Überdosis. Ich versuche da zu sein. Mein Telefon vibriert, du weinst. Panikattacke. Ich versuche da zu sein. Ich versuche mit Worten Nähe zu ersetzen. Bei uns in der Küche zerbricht etwas unter der Last der elenden Zwischenmenschlichkeit, was so einfach nicht mehr repariert werden kann. Ich bin da. Ich halte die Welt zusammen. Ich baue Luftschlösser, wie alles sein könnte. Ich verwerfe sie wieder. Ich frage: «Was ist die Qualität dieses Moments?» Ich öffne meinen Brustkorb und fühle mit. Ich höre zu. Ich werde gebraucht, also habe ich einen Wert. Eine einfache Gleichung. Ich bin Notärztin und immer als erste am Unfallort. Mein Empathievermögen zerbricht in tausend Stücke. Ich fühle das alles gleichzeitig. Das Leid dieser Welt hält mich zusammen. Ich muss funktionieren und nie tue ich es besser, als wenn ich gebraucht werde. Wie ein Geschenkband wickelt sich der Schmerz um mich, bis all meine kaputten Teile wieder zueinander finden. Morgen werde ich einen Gefühls-Kater haben.


26.3.2020 // Tag zwölf in Quarantäne


© Alexandra Büchi

09:45 Uhr

Ich wache auf und mein Telefon sagt: «Schau dir an, was du heute vor drei Jahren, heute vor zwei Jahren und heute vor einem Jahr gemacht hast!» Ich würde lieber wissen, was ich heute in drei Jahren, heute in zwei Jahren und heute nächstes Jahr mache, aber ich schaue mir das trotzdem an. Heute vor drei Jahren: Ein Selfie vor dem Spiegel in der Wohnung meines Vaters. Ich stehe so, dass ich möglichst dünn aussehe. Am Tiefpunkt meines Gewichtes, auf dem Höhepunkt meiner Essstörung. Heute vor zwei Jahren: Bilder von blauem Himmel und Menschen, die damals meine Freunde waren und jetzt nur noch Bekannte sind. Heute vor einem Jahr: Koreanisches Essen, Aussicht von einem Berg auf eine in Smog gehüllte Stadt und Selfies von einem glücklichen Ich mit leicht grünen Haaren und viel zu dunklen Augenbrauen. Als nächstes zeigt mir mein Telefon eine automatisch gene-rierte Collage. Neun Bilder, auf denen ich weine. Zu viele Schichten Zeit legen sich übereinander und auf die Gegenwart. Ich ziehe sie an wie drei Pullover an einem kalten Winterabend. Die Zeit läuft in mich hinein, durch mich hindurch und übrig bleibt nichts. 


13:56 Uhr

«Luxushotels zu Frauenhäusern» wird an die Wände einer leeren Stadt gesprüht. Passieren tut nichts. Immerhin werden jetzt Kreuzfahrtschiffe zu Spitälern umfunktioniert. Heute morgen habe ich aus dem Fenster geschaut. Auf der anderen Strassenseite hing ein Plakat, das gestern noch nicht da war. «Raise against Borders», stand da. Linksversiffter Aktivismus schafft es auch in Zeiten von Corona in mein Schlafzimmer. Ich freue mich. Am Nachmittag arbeiten wir bei Anais am grossen Holztisch. «Jetzt ist es schon wieder weg», sagt sie. Ich schaue aus dem Fenster. Das Plakat wurde weggerissen. Kurz und schmerzlos, wie ein Pflaster vom aufgeschlagenen Knie. 



© Alexandra Büchi

22:08 Uhr

Tage fühlen sich länger und kürzer gleichzeitig an. Ich schlafe wenig und fühle mich jeden Morgen, als ob ich drei Flaschen Rotwein alleine getrunken hätte. Dabei trinke ich nur Ingwertee. Kaum komme ich in die Gänge, ist es schon wieder Abend. Müde falle ich ins Bett und lese mich in den Schlaf. Dann träume ich von Menschen, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe und das Ganze geht wieder von vorne los. Einmal blinzeln, zehn Tage rum.
















25.3.2020 // Tag elf in Quarantäne 


© Alexandra Büchi

11:14 Uhr

In einem Telegramchat kriege ich Links zu Plattformen, wo Leute sich melden können, um für Betroffene in der Risikogruppen einkaufen zu gehen. In einer Sprachnachricht sagt einer, dass er das jetzt macht, weil er denkt «dass das ihm helfen könnte». Ist das nicht verkehrt herum? Die Welt steht Kopf und keiner merkts.


15:17 Uhr

Eine Freundin von mir macht eine Ausbildung zur Hebamme. Sie arbeitet von fünf Uhr morgens bis viel zu spät am Abend. Im Spital seien alle gestresst, sagt sie. «Das ist die Ruhe vor dem Sturm. Alle wissen, dass bald zwölf Stunden Schichten auf sie zukommen.» Ich sitze hier zu Hause und es fühlt sich bereits an wie die Ruhe nach dem Sturm. 


21:26 Uhr

Europa, was ist los mit dir? Das Corona-Virus scheint besonders gefährlich für Menschen mit schwachem Immunsystem und Menschenrechte. Wenn heute Grundrechte negiert werden, was passiert morgen?


Morgen existiert nicht mehr in meinem Kopf. Unsere Dankbarkeit ist nichts wert, wenn sie auf einem Vergleich basiert. Wo endet unsere Empathie? Europa macht die Grenzen zu, ich reisse meine auf. 



© Alexandra Büchi

23:57 Uhr

Ich lese ein Buch über das weibliche Begehren. Da steht: «Wir geben vor Dinge zu wollen, die wir nicht wollen, damit niemand sieht, dass wir nicht bekommen, was wir brauchen». Ich bin so müde, dass meine Augen brennen. Mein Rhythmus fühlt sich so falsch an, wie ich ihn geschrieben habe.





















24.3.2020 // Tag zehn in Quarantäne



©Alexandra Büchi

9:20 Uhr

Du sitzt auf deinem Dach. Ich sitze auf meinem Bett. Die Sonne scheint uns ins Gesicht. Wir treffen uns zum virtuellen Kaffee trinken und reden über Essstörungen.

Essstörungen gehen nicht weg, nur weil auf einmal Krise herrscht. Sie bleiben da und machen es sich gemütlich in deiner Küche. Wenn draussen alles auseinanderfällt, klammern wir uns umso mehr an Kontrolle und Kalorien. Vor Corona hatte ich so viel Stress, dass ich oft keine Zeit hatte zum Essen. Jetzt muss ich essen, um mir einen Rhythmus vorzugaukeln. Ich mache mir sorgen, dass ich zunehme. Meine Sorgen kommen mir lächerlich vor. Aber die Dämonen gehen nicht weg, nur weil das Elend plötzlich im Vorgarten steht. 


11:17 Uhr

Eine Freundin von mir nimmt Social Distancing besonders ernst. Ihr Smartphone macht Pause und sie meldet sich nur alle paar Tage. Gestern haben wir telefoniert und sie hat mir erzählt, wie Bauchreden funktioniert.


Damit könnte ich mich also auseinandersetzen, wenn ich nur mal mein Telefon weglegen würde. «Alle Macht den Geräten» steht auf einem Bild in meinem Zimmer.


13:23 Uhr

Heute wollen keine Worte kommen. Ich war gestern wach bis zwei Uhr früh und habe endlich «die Pest» fertig gelesen. Ich lasse Camus für mich sprechen: «Die armen Familien befanden sich dadurch in einer äusserst bedrängten Lage, wohingegen den reichen Familien an fast nichts fehlte. Während die Pest durch die wirkungsvolle Unparteilichkeit, mit der sie schaltete und waltete, die Gleichheit unter unseren Mitbürgern hätte verstärken sollen, verschärfte sie durch das natürliche Spiel des Egoismus in den Herzen der Menschen noch das Gefühl von Ungerechtigkeit.» Das Spiel des Egoismus in den Herzen der Menschen, so schön wurde der Kapitalismus noch nie beschrieben. 

©Alexandra Büchi

14:06 Uhr

Ein Rechtswissenschaftler sagt über die Situation in Griechenland, dass es aussehe wie eine Art Testlauf: So wäre die Welt ohne Menschenrechte. Sogar der Himmel ist sprachlos. Keine einzige Wolke bringt er mehr zustande. 


17:57 Uhr

Vor einem Monat hat mir meine Frauenärztin gesagt, dass meine Blutzuckerwerte zu hoch sind. Verdacht auf Diabetes Typ zwei. Der Termin für die zweite Abklärung ist erst Anfang Mai. «Hast du Angst, dass du Teil der Risikogruppe sein könntest?», hat mich Anais am Wochenende gefragt. «Nein, und ich will es gar nicht wissen», sagte ich. Ich lebe lieber in einem Vakuum. Ein luftleerer Raum, wo nichts etwas ist und nichts nichts ist. Lieber ewige Ungewissheit als einmalige Ablehnung. Ich glaube, das hat jetzt nichts mehr mit dem Diabetes zu tun.






23.3.2020 // Tag neun in Quarantäne


©Alexandra Büchi

09:06 Uhr

Ich telefoniere mit meiner neuen Therapeutin. Sie sagt immer: «Jaaaaa genaaaaau», nach allem was ich sage. Sie fragt mich, welches Ziel ich mit dieser Therapie verfolge: «Woran werden wir erkennen, dass Sie keine Therapie mehr brauchen?» Ich weiss es nicht. Das Konzept der Zukunft existiert in meinem Kopf nicht mehr.


12:18 Uhr Ich sitze in meiner ersten Online-Vorlesung. Alle sind ein bisschen verwirrt. Wenn der Dozent was fragt, sagt keiner was. Ich sage auch nichts. Ich schaue in den Spiegel und frage mich, warum meine Haare seit der Quarantäne besser aussehen als je zuvor.


17:06 Uhr Anais und ich gehen einkaufen. Vor dem Supermarkt sehe ich eine Frau mit viel zu vielen Einkaufstüten. Aus sicherer Entfernung frage ich sie, ob ich ihr helfen darf: «Ich verstehe sie nicht! Kommen Sie näher!», sagt sie.



Ich will aber nicht, also schreie ich zurück: «KANN ICH IHNEN HELFEN, DIE TASCHEN ZU TRAGEN?». Sie sagt nein. Im Laden läuft in voller Lautstärke «Ich will Seeeeeex von morgens bis abends». Zuhause merken wir, dass wir den Rotwein und die Haferflocken vergessen haben.


©Alexandra Büchi

19:05 Uhr Corona ist die UV-Licht Taschenlampe und der Kapitalismus ist das Badezimmer, das immer so schön sauber wirkte. Corona ist die violette Tablette, die du beim Zahnarzt kriegst, die dir zeigt ob du deine Zähne gut geputzt hast - spoiler alert: hast du nicht, liebes Europa. Corona ist der Geruch von verbranntem Brot und der Toaster ist unser Finanzsystem, das wieder mal nicht funktioniert, wie es doch eigentlich sollte. Corona ist der verwackelte Lidstrich im Gesicht unseres Systems: Immer, wenn du ihn korrigieren willst, sieht das ganze nachher noch schlimmer aus. Corona ist der Schraubenzieher, der Schraube für Schraube unsere Welt auseinandernimmt und dir zeigt, dass alle Schrauben schon locker waren, einige bereits rostig. Corona ist der Scheinwerfer. Auf der Bühne steht der Kapitalismus. Nackt und zerbrechlich wie noch nie. Der Kapitalismus verlässt die Bühne.






22.3.3 // Tag acht in Quarantäne


©Alxandra Büchi

13:15 Uhr In Zagreb bebt die Erde. Die Strassen füllen sich mit Menschen. «Bleibt draussen und haltet Abstand», sagt der Premierminister. Ich sitze in einem Bett, in einem Zimmer, in einer Wohnung, in einem Haus, in einer Stadt, wo Menschen sagen: «Samstag ist Einkaufstag! Da gehen wir halt in die Migros, wieso auch nicht?».

Andrea hat gesagt: «In ungewissen Situationen müssen wir vom Schlimmsten ausgehen. Besonders wenn wir privilegiert sind.» Das geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Am liebsten würde ich das Fenster aufmachen und es rausschreien, bis ich keine Stimme mehr habe.

Ich bin heute Nacht immer wieder aufgewacht, weil mein linkes Schienbein weh tut. Fühlt sich an als wäre ich mit voller Wucht gegen die Kommode gelaufen oder so. Bin ich aber nicht. Gibt es auch emotionale Blutergüsse? Letzte Woche bin ich mit all meinen Gefühlen voller Wucht gegen alles gelaufen. Mal schauen, wann es blau wird.

15:37 Uhr Ein unbekannter schickt mir Katzenbilder auf Instagram. Das Leben kann so schön sein, wenn es nur will. Auf Tinder sagt einer, dass ich ja ziemlich alt bin für mein Alter. Ich schreibe mit einer jungen Mutter aus Berlin und wir schicken uns Videos, wie die Sonne in unsere Zimmer scheint. Jetzt tanze ich in bisschen zu Jazz in meinem Zimmer. Ich gebe mich kurz der Illusion von Freiheit hin, dann höre ich Polizeisirenen von draussen und mein Gedankenschloss fällt in sich zusammen. «Ich bin. Ich war. Ich werde sein», sagt die Revolution. Sagt aber auch die Krise. Die beiden streiten sich über einem Lindenblütentee darüber, wer zuerst da war. Ich telefoniere mit meiner Grossmutter und habe ein schlechtes Gewissen. Was ist meine Liebe Wert, wenn sie erst in solchen Zeiten kommt.

Einer sagt: «Everything has a silver lining.»

Albert Camus schreibt im Buch «die Pest»: «Aber was für die Übel der Welt gilt, gilt auch für die Pest. Das kann einigen dazu verhelfen, zu wachsen. Wenn man jedoch das Elend und den Schmerz sieht, den die Pest bringt, muss man verrückt, blind oder feige sein, um sich mit ihr abzufinden.»



©Alexandra Büchi

19:27 Uhr Anais trällert während dem Pasta kochen eine Melodie vor sich hin. «Oh, welches Lied geht dir nicht aus dem Kopf?» frage ich. «Alles selbst erfunden!» sagt sie. Die Welt ist mein Wasserglas und ich zergehe darin wie eine Aspirintablette. Mit jeder weiteren Blase verschwinde ich ein bisschen. Ich schwimme zur Oberfläche und bin weg, für immer. Trotzdem auch für immer da. Bewusstsein ist nicht selektiv, hat Anais gesagt. Es ist überall. Ich kann nicht verschwinden. Wir sind alle eins. Du, unsere Nachbarin, Ich - wir alle sind nur eine Aspirintablette, die langsam zergeht. Ich ertrinke in mir selbst.













21.3.2020 // Tag sieben in Quarantäne


©Alexandra Büchi

14:38 Uhr

Wir sitzen am Küchentisch und frühstücken mitten am Nachmittag. Zur Abwechslung haben wir das Radio angemacht. Die Moderatorin fragt beim Radioquiz: «Wie heisst die Krankheit, die durch das Virus ausgelöst wird? Kevin 19 oder Covid 19?». Wir machen das Radio wieder aus.

Ein Tindermatch schlägt vor, dass ich bei ihr auf dem einen Balkon sitzen kann, während sie auf dem anderen sitzt. Wir könnten uns dann per Videochat unterhalten. Krisen machen Menschen kreativ.


18:24 Uhr

Wir gehen durch das viel zu wenig leere Zürich. Spazieren war auch mal anders. In ungelenkem Slalom weichen wir unseren Mitmenschen aus. Diejenigen, die von sich aus auf die andere Seite des Trottoirs wechseln, lächeln wir unsicher an. Wir kommen an eine Weggabelung. Da stehen ein paar alte Leute. «Du bist ja auch noch nicht Risikogruppe, oder? 64 bist du, gell?», sagt die eine Frau. Der Mann schmunzelt, winkt ab und geht.



Wir machen eine extra grosse Kurve. Wir spazieren zurück. In den Händen tragen wir Säcke voll frisch gepflücktem Bärlauch. Vor uns stehen fünf Jugendliche um eine Parkbank. Sie lachen und trinken Bier. Musik läuft und es riecht nach Marihuana. Am liebsten würde ich ihnen meinen Bärlauchsack um die Köpfe schlagen. Aber wir machen gleich Pesto draus und ich mag keine Konflikte.


©Alexandra Büchi

Ich sehe eine Katze unter einer Hecke verschwinden und frage Anais, ob es wohl ok wäre wenn ich eine Katze streicheln würde. Könnte ja sein, dass sie dann den Virus an ihrem Fell hat und ihn nach Hause trägt und sich dort jemand ansteckt. «Mein Desinfektionsmittel ist schon fast leer, aber für eine Katze wird es schon noch reichen.» sagt sie. Desinfektionsmittel wird nun nur noch in Katzen gemessen.
















© Alexandra Büchi


20.3.2020 // Tag sechs in Quarantäne


12:56 Uhr

In Venedig schwimmen wieder Schwäne in den Kanälen. Schöne neue Welt. Wenn alles gut kommt, wird der CO2-Ausstoss der Menschheit dieses Jahr zum ersten Mal sinken. Das ist doch alles falsch.

In der WOZ erzählt Jean Ziegler, was er im letzten Mai auf Lesbos im Lager Moria erlebt hat. Er spricht von organisierter Unterernährung. Die Menschen sind eingeschlossen hinter dreifachem Nato-Stacheldraht. Ich weiss nicht mal, was Nato-Stacheldraht ist. Warum hat die Nato einen Stacheldraht um Menschen gezäunt? Er erzählt von Schnittnarben auf Kinderarmen, die nicht mehr weiter wussten. Du sagst, du kannst nicht in deiner Wohnung bleiben, du hälst es drinnen nicht aus. Im Lager Moria hat es letzte Woche gebrannt. Das ist doch alles falsch. Die EU hat das Asylrecht liquidiert. «Wohin mit diesen Informationen?» fragt mein Hirn. Ich würde es dir sagen, wenn ich es wüsste.




13:08 Uhr

«Wuhuu!», schreit der Nachbar, der beim Telefonieren immer wild aus dem Fenster gestikuliert. Wir stehen an meinem Zimmerfenster und klatschen. Ich fühle mich ein bisschen lächerlich. Irgendwie schön, es sind ziemlich viele Leute an ihren Fenstern und auf den Balkonen. Irgendwie unsinnig, die Beklatschten sind ja jetzt im Spital und arbeiten. Klatschst du weiter, auch wenn deine Grossmutter nicht mehr in der Risikogruppe von irgendeinem Virus ist? Was kommt nach dem Klatschen? Wen wählst du bei den nächsten Wahlen? Handfläche auf Handfläche. Wahlzettel für Wahlzettel.



© Alexandra Büchi

18:36 Uhr

«Wir sind jetzt bei 5000 Fällen in der Schweiz.» Anais hat sich einen Schal um den Kopf gebunden und sieht aus, als würde sie mir gleich Tarotkarten legen. Wir sitzen noch bei ihr am grossen Holztisch und versuchen zu arbeiten. «Level up» sage ich. Das ist doch alles falsch. Am Montag sassen wir beide noch wie paralysiert in der Küche. Sie hatte Panikattacken und ich Heulkrämpfe. Und jetzt sitzen wir hier und machen Witze. Ich finde mich selbst abstossend.

Die Fallzahlen von häuslicher Gewalt haben sich in Italien und China durch die Ausgangssperre teilweise verdreifacht. Frauenhäuser in der Schweiz sind schon vor Corona konstant überlastet. «Bleibt zuhause» kriegt einen sauren Nachgeschmack.

Ich mache jetzt den Rosé auf und ergänze meine Tinderbio mit «Videochat und chill?».






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