• Johannes Runge

Kino Review: James Bond – “No Time to Die”


Bild von Viral-Illustratorin Pia Zibulski

Ich habe mir den neuen James Bond Film “No Time to Die” im Kino angeschaut. Nicht in irgendeinem Kino. Im IMAX im Verkehrshaus in Luzern. Wie die grosse Leinwand mein Seherlebnis beeinflusst hat und ob Mensch den Film im Kino sehen sollte, das erfahrt ihr jetzt.


Alt & Neu


Die Craig-Ära fand mit “No Time to Die” nun ihr explosives Ende. Obwohl die Trailer mit bombastischen Setpieces und einem mysteriös anmutenden Bösewicht bereits den Eindruck grossen Kinos erweckten, hielt sich meine Erwartungshaltung in Grenzen. Vielleicht lag es daran, dass, mit der Ausnahme von vielleicht “Casino Royale”, Bond für mich immer nur Bond bleiben würde. Sprich: Schema F (F steht in diesem Falle für Franchise), unterhaltsame Action, wenig Anspruch und in den neueren Ablegern einige kreative Einfälle, um das Schema auf das neuzeitliche Weltbild anzuwenden.


“Skyfall” tat letzteres auf sehr gelungene Art und Weise. Schliesslich gab er den scheinbar unwichtigen Nebenfiguren des Bond-Universums zum ersten Mal Luft zum Atmen und ein modernes Gewand. Moneypenny wurde von der objektivierten Sekretärin zur Agentin, Q vom alten Wissenschaftler mit Witzmomenten zum blutjungen Informatiker.


“Spectre” setzte diese Geschichte mit einer zusammenhängenden Storyline fort und folgte dem Trend der heutigen Zeit (Marvel und grosse Serien lassen grüssen), Teile einer Reihe in Kontext miteinander zu bringen und den Figuren eine Chance zur Entwicklung zu geben. Nicht, dass der Plot von “Spectre” besonders überraschend oder emotional mitreissend gewesen wäre, trotz alledem setzte er mit Blofelds (Christoph Waltz) und Madeleines (Léa Seydoux) ersten Storybeats die Grundsteine für “No Time to Die”.




Nach einer ausschweifenden Eingangssequenz, welche Madeleines Vergangenheit beleuchtet, setzt “No Time to Die” dort an, wo wir aufgehört haben. Madeleine und James, nun scheinbar ein glückliches Paar, werden von den Schatten der Vergangenheit eingeholt. Manche der Schatten warten noch darauf, ergründet zu werden.


Direkt ist zu bemerken, dass dieser Bond etwas anders ist. Zum ersten Mal seit “Casino Royale” wird die verletzliche Seite des Craig-Bonds wieder ohne Angst auserzählt.


Das Pacing ähnelt dem eines älteren Films, das merkt man spätestens, wenn die Titelsequenz einsetzt. Wie Bond-Filme schon immer auf den Spuren der aktuell erfolgreichen Filmemacher wandelten, so kommen hier Villeneuve-Vibes auf (Dennis Villeneuve: Regisseur von Arrival, Blade Runner 2049 & Dune. Zu Dune gibt es demnächst auch eine Review von mir).

Cary Joji Fukanaga lässt sich Zeit, die Szenen ihre Wirkung entfalten zu lassen. Auch wenn Bond mal für ein paar Minuten nicht auf der Leinwand zu sehen ist. Dies in einem Mass, welches an manchen Punkten durch das geduldige Tempo wirklich bereits an Filme älterer Zeiten erinnert. Dennoch besticht er das moderne Publikum, sobald eine Actionsequenz einmal eingeleitet ist, durch brachiale Stunts und Sounds sowie atemberaubende Geschwindigkeit. Hier trifft alt auf neu.


Genauso verhält sich die wunderschöne Bildgestaltung von Linus Sandgreen, der in meinen Augen ein visuelles Meisterwerk erschaffen hat. Durch den Einsatz von Analogfilm und den grössten Kinoformaten entstanden wunderbar körnige Bilder mit der Bildqualität der modernsten Technik und dem Charme des alten Kinos. Die Lichtsetzung ist so butterweich und atmosphärisch: Mir ging das Herz auf und ich war dankbar, jeden Frame auf dieser gigantischen Leinwand bestaunen zu dürfen. Zwar waren Bond-Filme schon immer schön fotografiert, aber das hatte ich so nicht erwartet.


Ähnlich nostalgisch lässt die Filmscore-Komponisten-Legende Hans Zimmer hier seine Kreativität spielen. Die typische Brutalität seiner Actionscores lässt nicht auf sich warten, dennoch darf man in unzähligen Szenen Variationen des Bondthemes oder oldschool-romantische Streicherklänge geniessen.


All diese Elemente haben mich bereits überzeugt, dass “No Time to Die” in jedem Fall ein Film ist, den man im Kino gesehen haben sollte und als Erlebnis für die grosse Leinwand auf allen Ebenen überzeugt. Dennoch sind es andere Details, die den Film vom Rest des Franchise abheben.


Zeitgemässe weibliche Figuren im James Bond-Franchise


Viel tut sich in der Film- und Serienwelt. Diversität wird mittlerweile grossgeschrieben. Zumindest wird es versucht. Ich hätte nicht erwartet, dass ausgerechnet ein Bond-Film diese Welle so elegant reiten wird.

Bild von Viral-Illustratorin Pia Zibulski

Denn schlussendlich macht "No Time to Die" in erster Linie einmal etwas richtig, was ihn von den meisten Bonds abhebt und in meinen Augen schlichtweg zu einem besseren Film macht: Er arbeitet mit grandiosen Figuren.


Schon immer gehörten zu einem Bond-Film “Bond-Girls”. Ein abstruser Begriff. Vielleicht kommt er uns nun auch endlich abstrus vor, da diese Frauen (und Bond übrigens auch) im neuen Ableger der fast 60 Jahre alten Filmreihe als Menschen aus Fleisch, Blut und Seele dargestellt werden.


Madeleine ist wichtiger Bestandteil des Plots und es wird sich Zeit genommen, ihren emotionalen Kern zu erzählen. Nomi (Lashana Lynch), die zwischenzeitlich Bonds Dienstnummer übernimmt, ist eine selbstbewusste, ehrgeizige Agentin, die mit Können aber auch Arroganz daherkommt. Ja, mit Arroganz und vielleicht übersteigertem Ehrgeiz. Hier befindet sich genau der ausschlaggebende Punkt: In diesem Film sehen wir Menschen mit Schwächen und Stärken. Wo viele Bond-ähnliche Filme, also realitätsferne Blockbuster, in Extremen denken und durch weibliche Kampfmaschinen scheinbaren Feminismus projezieren, da kommt “No Time to Die” mit Figuren wie der CIA-Agentin Paloma (Ana De Armas) um die Ecke: Ja, Paloma ist wunderschön und besiegt zehn Männer im Kampf. Aber nach den wenigen Minuten, die sie im Film auftaucht, kennen wir Paloma. Wir wissen, wie aufgeregt sie über ihren ersten Auftrag war, wir wissen wie sie mit dieser Aufregung umgeht und wie sie ihre Schwächen zum Vorteil nutzt. Wir haben sogar mit ihr gelacht, weil wir sie verstanden haben. So muss das!

Auch das männliche Gender-Klischee von Bond selbst wird endlich teils untergraben, wenn er zum Beispiel Ana De Armas Charakter bittet, sich umzudrehen wenn er sich umzieht.


Die verschiedenen Figuren in “No Time to Die” sind facettenreich (für das Genre wohlgemerkt) und in sich glaubwürdig. Wir lernen sie kennen. Das, was “Casino Royale” mit dem Charakter James Bond selber bewerkstelligt hat, ist nun auf Nebenfiguren, besonders auf weibliche, übergesprungen. Wurde aber auch Zeit. So kurz vor dem Schluss einer Ära. Ein weiblicher Bond wäre hier keine abwegige Idee für den nächsten Ableger.


Schlussstreich: Ist “No Time to Die” ein Bond-Film?


“No Time to Die” hat offensichtlich mehr Mut als so mancher Bond-Film zuvor. Zuletzt wirklich mutig war in meinen Augen der erste Craig: “Casino Royale”, der den “Held” gleichzeitig verletzlicher und abschreckender zelebrierte und damit das neue Zeitalter des Franchise einleutete. “Skyfall” war immerhin ein wichtiger Kompromiss zwischen jung und alt um die Reihe interessant fortzusetzen.


“No Time to Die” mag durch seine inszenatorische Nostalgie auch wie ein (wunderschöner) Kompromiss der filmgeschichtlichen Zeitalter daherkommen, formal macht er aber tatsächlich keine Kompromisse. Hierbei eine Warnung: Hardcore-Bondfans könnten sich von dem Film eventuell vor den Kopf gestossen fühlen. Ein Franchise erschafft immer ungeschriebene Regeln und Zuschauer gehen von bestimmten Dingen aus, die einfach so sein sollten. Besonders nach über 60 Jahren.


Drücken wir es so aus: In “No Time to Die” werden nur geschriebene Regeln beachtet. Und die geschriebenen Regeln dieses Films sind lediglich sein eigenes Drehbuch. Dieses hat durchaus Schwächen. Besonders der Bösewicht, teilweise beängstigend gespielt von Rami Malek, ist recht inkonsistent in die Story verwoben und vielleicht die schwächste Figur des Films, auch wenn seine Präsenz in so mancher Szene das Gegenteil bewirken möchte. Definitiv nicht der stärkste, aber auch nicht der schwächste Gegenspieler der Reihe.


Ganz nüchtern betrachtet erfindet die Story des Films auch nicht das Rad neu, im Kontext des James Bond-Franchise rollt der Wagen aber flott! Das Publikum darf sich vielleicht dennoch freuen oder trauen, das erste Tränchen seit “Casino Royale” im Bond-Kino zu verdrücken. Hartgesottene ZuschauerInnen, die Tränen nicht sehen können, kommen auch auf ihre Kosten: Schliesslich beinhaltet “No Time to Die” einige der grandiosesten Actionszenen, die man aktuell im Kino sehen kann. Und wer statt weinen endlich lachen möchte: Gute News für Bondfans der alten Schule: Oneliner-Wortwitze sind wieder da und passen erstaunlicherweise gut ins Gesamtbild.


Ich war in Bezug auf die Bondreihe positiv überrascht, hatte einen riesen Spass im Kino und wurde von der audiovisuellen Pracht vollkommen eingenommen. Klare (Kino-) Empfehlung!






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