• Gastbeitrag

In der Wohnung - eine Kurzgeschichte

Auf Instagram und Facebook haben wir euch aufgefordert, uns eure kreativen Arbeiten aus der Quarantäne zu schicken. David Fürst hat uns eine Kurzgeschichte zukommen lassen. Geschrieben hat er diese während eines dystopischen Gefühlschaos zu Beginn des Lockdowns. David Fürst ist 28 Jahre alt und lebt in Bern. Er arbeitet als Sozialarbeiter und Salsalehrer und schreibt und illustriert in seiner Freizeit leidenschaftlich für die Zeitung der Reitschule «Megafon».



© David Fürst

Thomas sitzt am Tisch, vor ihm ein Stapel ungeöffneter Briefe, sein Laptop und ein Krug Ingwer-Kurkuma-Tee. Das Handydisplay leuchtet in unregelmässigen Abständen auf. Heute ein unbeantworteter Anruf, gestern waren es noch drei, vor Wochen viele mehr.

Thomas hat seine Arbeit verloren. Die Wohnung kann er längerfristig nur behalten, wenn er in nützlicher Frist die Rechnungen und Mahngebühren bezahlen kann, die er in den Couverts auf dem Tisch vermutet. Thomas verlässt die Wohnung nicht mehr, verzichtet auf Kontakte und schirmt sich ab. Die Welt da draussen macht Angst.

Er war schon lange nicht mehr Einkaufen im Quartier, lässt sich das Essen bringen. Anschliessend lässt er die Verpackungen, je nach Material, unterschiedlich lange stehen. Auf Plastik und Metall überleben die Viren am längsten, Karton und andere organische Materialien sind weniger problematisch. Seine Nachbarn machen das nicht, was dazu führt, dass er schon im Treppenhaus auf dem Weg zu Briefkasten und Waschküche sehr vorsichtig sein muss.

Bei einem Onlineshop für Hausärzt*innen-Bedarf hat er sich mit Praxis-Hygieneartikel und Profidesinfektionsmittel eingedeckt. Er desinfiziert und putzt, wie vom BAG vorgegeben, jeden Tag.



© David Fürst

Schon länger war Thomas nicht mehr in der Innenstadt, genau genommen seit dem 2. April. Dort hat es wie überall zu viele Menschen, vermutlich kranke Menschen. Das Handy vibriert, eine Push-Nachricht. Die Ansteckungsrate ist seit April konstant, für Thomas konstant zu hoch. Die Lockerungen der Massnahmen sind für Thomas nicht nachvollziehbar, sie dienen nur der Wirtschaft. In den Onlinekommentarspalten der gängigsten Gratiszeitungen macht Thomas seinem Ärger Luft, beschimpft den Bundesrat, die Wirtschaftsfunktionär*innen, stellt Fragen: „Wieso sollen wir jetzt wieder arbeiten gehen, wieso sind alle Restaurants offen, vor 4 Monaten wurden wir unter den gleichen Fallzahlen an Ostern noch angehalten, Zuhause zu bleiben. Das ergibt keinen Sinn.“

Thomas bleibt weiter Zuhause, traut sich nicht auf das Arbeitsamt, um Gelder zu beantragen.

Seine Freunde mag er auch nicht besuchen. Diese haben mittlerweile auch aufgehört zu schreiben oder anzurufen, und haben Thomas als Eigenbrötler abgestempelt. Er sei verrückt und die ganze Coronageschichte gar kein so riesiges Problem mehr. Mit den richtigen Vorsichtsmassnahmen sei persönlicher Kontakt doch möglich. An optimistischen Tagen glaubt Thomas das auch, aber wäre ein kurzer Besuch das Risiko einer möglichen Ansteckung wert? Würde sein Gegenüber auch alle Vorsichtsmassnahmen einhalten, so wie er?


Die Tage wiederholen sich, einer gleicht dem anderen. Der Briefstapel wird höher, die Geschichten im Radio wiederholen sich. Kulturschaffende erzählen im Interview, dass sie nach neuen kreativen Möglichkeiten suchen, um Konzerte zu veranstalten, manchen gelingt es, den meisten nicht. Ein Anruf von Gaby. Er nimmt ihn nicht entgegen. Sie wollte ihre Sachen holen.

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